Fritz Becker – der Schulbub, der das erste Tor schoss

Das erste Tor der deutschen Länderspielgeschichte schoss ein Schüler. Fritz Becker, 19 Jahre alt, Stürmer der Frankfurter Kickers, traf am 5. April 1908 in Basel nach sechs Minuten zum 1:0 gegen die Schweiz. Später legte er ein zweites Tor nach. Verloren ging das Spiel trotzdem, 3:5. Und beinahe wäre Becker gar nicht erst angekommen: Einen Tag vorher stand er ratlos an einem Frankfurter Bahnsteig und wusste nicht, wie er nach Basel kommen sollte.

Fritz Beckers Weg · 1888–1963 (Fritz Becker)
Fritz Beckers Weg · 1888–1963

»Als das Ein- und Aussteigen der Reisenden vorüber war, stand ich noch immer an der Bahnsteigsperre; nicht wie ein stolzer Nationalspieler, sondern ein beinahe Verzweifelter.«

— Fritz Becker über den Tag vor dem ersten Länderspiel, zitiert nach Matheja bzw. Schulze-Marmeling

Penne, das Knäuel von der Hundswiese

Fritz Heinrich Becker kommt am 13. September 1888 in Bockenheim zur Welt, das damals noch nicht zu Frankfurt gehört. Er besucht die Klinger-Oberrealschule, eine Schule, die als sportbegeistert gilt. Becker ist schnell. Er gilt als guter Sprinter, der DFB nennt ihn später den »Schlussläufer der 4-mal-100-Meter-Staffel seiner Schule«.

Seine ersten Fußballjahre verbringt er beim FFC Germania 1894. 1904 wechselt er zu den Frankfurter Kickers. Als 16-Jähriger kickt er auf der »Hundswiese« unter dem Namen »Penne«. Einen zweiten Spitznamen bekommt er wegen seiner Art zu spielen: Weil er so quirlig ist, rufen sie ihn »Knäuel«. Er spielt Verbindungsstürmer, also Halbstürmer. Wikipedia übersetzt das in heutige Sprache: Regisseur.

Einen ersten großen Auftritt hat er im Mai 1907. Newcastle United, der englische Meister, kommt nach Frankfurt und spielt auf dem Hermannia-Platz im Ostpark gegen eine Stadtauswahl. Newcastle gewinnt 6:2. Beide Frankfurter Tore schießt Fritz Becker.

Die Odyssee nach Basel

Im Frühjahr 1908 will der DFB endlich Länderspiele bestreiten. Die Auswahl folgt einem Proporz: Jeder Regionalverband bekommt Plätze zugewiesen. Süddeutschland stellt vier Spieler, einer davon ist Becker. Nur erfährt er das zuerst aus der Zeitung.

Was dann folgt, hat Becker später selbst erzählt. Über eine Woche hört er nichts. Zwei Frankfurter Funktionäre können ihm immerhin bestätigen, dass die Nominierung stimmt. Am Donnerstag kommt der Brief vom DFB, aber ohne Treffpunkt, Reiseweg oder Fahrkarte. Am Freitagmittag weiß er noch immer nicht, wie er nach Basel kommen soll. »Die Freude, an dem großen Ereignis teilnehmen zu können, wurde allmählich von dem Gedanken verdrängt, dass bei der Sache etwas nicht stimmen könne.«

Freitagnachmittag kommt der »Schlussbescheid«: Am Samstag werde ihm an der Bahnsteigsperre die Fahrkarte ausgehändigt, der Zug komme aus Berlin. Becker stellt sich hin, der Zug fährt ein, die Reisenden steigen aus und ein. Niemand kommt. Die Rettung ist ein älterer Herr, »schweißgebadet wie ich«, den Becker noch nie gesehen hat. Er fragt: »Sind Sie das Beckerche aus Frankfurt?« Becker sagt Ja, bekommt die Fahrkarte in die Hand gedrückt und schafft es gerade noch in den Zug, bevor die Türen schließen.

Im Abteil sitzt er allein. »Ich war ja kein erfahrener Weltreisender, sondern noch ein Schulbub«, sagt er später. In Basel trifft er im Hotel wenigstens die süddeutschen Kollegen, die er kennt. Die Mannschaftsbesprechung am Sonntagmorgen dreht sich dann weniger um Fußball als um Manieren. Eine »Art Anstandsunterricht« sei das gewesen, erinnert sich Becker, mit Empfehlungen für das Bankett nach dem Spiel.

Der große Tag: das erste Tor (April 1908)

Am 5. April 1908 um drei Uhr nachmittags stehen sich im Basler Landhof die Schweiz und Deutschland gegenüber. Es regnet. Schiedsrichter ist H. P. Devitte, ein in der Schweiz lebender Engländer. Wie viele Zuschauer da sind, weiß niemand genau: Die Angaben reichen von 3.500 bis 5.000. Eine Schokoladenfabrik hat eine Extra-Tribüne spendiert, darauf der Werbespruch »Chocolade LUCERNA isst die ganze Welt!«. Die deutsche Elf kommt aus elf Vereinen und neun Städten. Zusammen gespielt hat sie noch nie.

Spielverlauf Schweiz – Deutschland 5:3 · 5. April 1908 · Basel (Fritz Becker)
Spielverlauf Schweiz – Deutschland 5:3 · 5. April 1908 · Basel

Trotzdem beginnt es gut. Nach sechs Minuten flankt Rechtsaußen Gustav Hensel, Fritz Förderer lenkt den Ball Richtung Tor, und Becker grätscht hinein. 1:0 für Deutschland, das erste Tor einer deutschen Nationalmannschaft. Später beschreibt er den Moment so, wie ein Sprinter das eben tut:

»Der Schweizer Torwächter glaubte nicht eingreifen zu müssen, unterschätzte aber meine Schnelligkeit.«

— Fritz Becker, zitiert vom DFB

Die Führung hält eine Viertelstunde. Dann trifft Hans Kämpfer zum Ausgleich. Ein Hagelschauer geht in Dauerregen über, der Boden wird schlüpfrig. Verteidiger Ernst Jordan köpft einen Freistoß ins eigene Tor, Siegfried Pfeiffer erhöht auf 3:1. Nach der Pause verkürzt Förderer mit einem Alleingang, Pfeiffer stellt den alten Abstand wieder her. In der 69. Minute ist Becker wieder da: ein Schuss in die lange Ecke, 3:4. Die Aufholjagd endet eine Minute vor Schluss, als Kämpfer das 5:3 erzielt.

Beim Bankett am Abend – laut DFB im »Bären«, laut Tagesspiegel im Hotel Metropol – holt Becker das Pech doch noch ein. Der Schweizer Torwart Ivan Dreyfus führt eine »Spezialparade« vor und räumt dabei ein Tablett mit Worcester-Soße und Senf ab. Das meiste landet auf Beckers Smoking, und der ist nur geliehen. Laut Tagesspiegel kostete die Leihe 12 Mark, die Reinigung kam noch obendrauf. Der DFB beziffert sie auf »horrende 48 Goldmark«.

Späte Jahre

Ein zweites Länderspiel bekommt Becker nicht. Warum, sagen die Quellen nicht. Dem Frankfurter Fußball bleibt er treu. Nach der Fusion 1911 spielt er beim Frankfurter FV, holt mit dem Verein erste Plätze im Nordkreis und spielt 1912 bis 1914 um die Süddeutsche Meisterschaft mit. Das Eintracht-Archiv zählt mindestens 85 Meisterschaftsspiele und 22 Tore. Die Zahlen sind ausdrücklich lückenhaft. In der Saison 1920/21 läuft er zum letzten Mal auf, nun für Eintracht Frankfurt in der Kreisliga Nordmain. Am Ende dieser Runde steht die Meisterschaft.

Danach wechselt er die Seite. Becker schlägt eine Verwaltungslaufbahn ein und wird Amtsrat. Bei der Eintracht sitzt er lange Jahre im Spielausschuss, der Verein macht ihn zum Ehrenmitglied und Ehrenspielführer.

Im Oktober 1939 beantragt Becker die Aufnahme in die NSDAP. Er wird zum 1. Dezember 1939 aufgenommen. Das belegt die NSDAP-Mitgliederkartei im Bundesarchiv, Mitgliedsnummer 7.321.582. Die Zeit hat 2024 in einer Recherche über DFB-Nationalspieler und ihre NS-Verstrickungen darüber berichtet.

Fritz Becker stirbt am 19. Februar 1963 in Frankfurt am Main, mit 74 Jahren.

Fritz Becker auf einen Blick

Geboren: 13. September 1888 in Bockenheim (heute Frankfurt am Main)
Gestorben: 19. Februar 1963 in Frankfurt am Main
Spitzname: »Penne«, »Knäuel«
Vereine: FFC Germania 1894, Frankfurter Kickers (1904–1911), Frankfurter FV (1911–1920), Eintracht Frankfurt (1920/21)
Position: Verbindungsstürmer
Titel: Meister der Kreisliga Nordmain 1921 (mit Eintracht)
Bilanz: 1 Länderspiel, 2 Tore (1908)
Beruf: Amtsrat
Nationalspieler Nr.: 10 (Debüt 5. April 1908 gegen die Schweiz)

Quellen

Wikipedia: Fritz Becker · Wikipedia: Länderspiel Schweiz – Deutschland 1908 · Eintracht-Archiv · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D 3/1992 · Kicker-Almanach 1996 · DFB: Niederlage zur Premiere · Tagesspiegel, 26.3.2008