Ernst Jordan – der lange Pechvogel von Basel

Ernst Jordan war nicht eingeplant. Eine Woche vor dem ersten Länderspiel der deutschen Geschichte verletzte sich der gesetzte Verteidiger, und der Magdeburger Malermeister rückte nach. Knapp 1,90 Meter groß, in Magdeburg »Langmeier« genannt, war er der Zweitälteste im Team. Am 5. April 1908 in Basel ging dann so ziemlich alles schief, was schiefgehen konnte: Regen, Hagel, ein Freistoß, ein Kopfball – ins eigene Tor. Es blieb sein einziges Länderspiel. Aber einen Rekord hält er für immer: das erste Eigentor der Nationalelf.

Ernst Jordans Laufbahn bei Cricket-Viktoria Magdeburg · 1901–1914 (Ernst Jordan)
Ernst Jordans Laufbahn bei Cricket-Viktoria Magdeburg · 1901–1914

»Ein scharfer Ruck des Kopfes, ein zweites Haupt taucht auf, kreuzt den Weg des Balls und stieß ihn mit energischer Drehung – ins eigene Netz!«

— Kicker-Chronist Joseph Michler, zitiert nach Spiegel einestages 2008

Ein Langer vom Cracauer Anger

Ernst August Jordan kommt am 18. Mai 1883 in Magdeburg zur Welt. Fußball ist dort in diesen Jahren noch ein Wiesenspiel: Gekickt wird auf dem Cracauer Anger. 1897 schließen sich mehrere kleine Klubs zum Magdeburger Fußball- und Cricket-Club Viktoria zusammen, kurz Cricket-Viktoria. Der Verein gehört 1900 zu den Gründungsmitgliedern des DFB.

Ab 1901 spielt Jordan hier in der Verteidigung, dreizehn Jahre lang, immer für denselben Klub. Wegen seiner Größe heißt er »Langmeier«. Er ist auch sonst ein Athlet: Im Gau Mittelelbe gehört er zu den besten Diskuswerfern. Mit Weiten um 33 Meter reicht es allerdings nicht für die deutsche Spitze, die schon um die 40 Meter wirft.

Von Beruf ist er Malermeister. Das Nationalspieler-Lexikon von 1939 führt ihn als »Dekorateur«, was wohl aufs selbe Handwerk hinausläuft. Es nennt ihn zudem »linker u. rechter Verteidiger«. Er konnte also beide Seiten. Ein eigenes Stadion bekommt Cricket-Viktoria übrigens erst 1912, bis dahin bleibt der Anger die Heimat.

Der Ersatzmann

Im Frühjahr 1908 beschließt der DFB, Länderspiele auszutragen, und das in großer Eile. Für die Abwehr sind zwei Leipziger vorgesehen: Walter Hempel und Heinrich Riso, zweifacher Deutscher Meister mit dem VfB Leipzig. Dann verletzt sich Riso eine Woche vor dem Spiel, ausgerechnet bei einem Spiel in Magdeburg, wie Spiegel einestages schreibt. Der Ersatz kommt wie Riso aus Mitteldeutschland: der Lange von Cricket-Viktoria.

Im Programmheft steht er damit »unter den 11 besten Spielern Deutschlands«. In Wahrheit ist es eher eine Notelf. Der Termin kam so kurzfristig, dass viele gute Spieler nicht konnten. Allein in Berlin traten am selben Tag zwei Stadtauswahlen an, mit sieben späteren Nationalspielern.

Mit 24 Jahren gehört Jordan zu den Routiniers. Nur Kapitän Arthur Hiller ist älter. Der Rest der Mannschaft ist im Schnitt gerade einmal Anfang zwanzig.

Der große Tag: Kopfball im Hagel (April 1908)

Sonntag, 5. April 1908, neun Uhr morgens, Hotel Metropol in Basel. Im Zimmer von DFB-Schatzmeister Wilhelm Behm gibt es die Trikots: schwarz, mit weißen Ärmeln und einem riesigen Reichsadler auf der Brust. Spiegel einestages beschreibt, wie Jordan es kaum erwarten kann, das Hemd überzustreifen. Er wird es nur dieses eine Mal tragen.

Anpfiff ist um 15 Uhr am Landhof, dem Platz des FC Basel. 3.500 bis 4.000 Zuschauer sind da, je nach Quelle. Eine Schokoladenfabrik hat eigens eine Tribüne gestiftet, jede Dame bekommt angeblich eine Tafel Schokolade. Schiedsrichter ist H. P. Devitte, ein in der Schweiz lebender Brite. Es regnet.

Zunächst läuft alles nach Plan. In der 6. Minute trifft Fritz Becker zum 1:0 für Deutschland. In der 21. Minute gleicht Hans Kämpfer aus. Dann kommt das Wetter. Erst ein peitschender Hagelschauer, danach heftiger Dauerregen. Das Fachblatt Football-Suisse notierte: »Der aufgeweichte, schlüpfrige Boden lässt ein sicheres Spiel nicht mehr aufkommen.«

Für einen Hünen wie Jordan ist das der schlimmste Untergrund. Die Nagelstollen greifen nicht mehr, so beschreibt es der Spiegel, und selbst die Lufthoheit wird zum Lotteriespiel. In der 28. Minute schlägt der Schweizer Kapitän Siegfried Pfeiffer einen Freistoß scharf vors deutsche Tor. Kämpfer steigt hoch. Und Jordan auch. Sein Kopf verlängert den Ball ins eigene Netz. 2:1 für die Schweiz, das erste Eigentor der deutschen Länderspielgeschichte.

Schweiz – Deutschland 5:3 am 5. April 1908 · Jordans Eigentor zum 2:1 in der 28. Minute (Ernst Jordan)
Schweiz – Deutschland 5:3 am 5. April 1908 · Jordans Eigentor zum 2:1 in der 28. Minute

Das Tor leitet die Wende ein. Vier Minuten später steht es 3:1. Förderer und Becker verkürzen nach der Pause zweimal, doch Pfeiffer und Kämpfer treffen ebenfalls. Endstand 5:3 für die Schweiz. Die deutsche Elf hat im Angriff durchaus gefallen. Die Abwehr nicht.

Das Urteil über den Linksverteidiger fällt deutlich aus. Football-Suisse schrieb am 9. April 1908 knapp: »Die Deutschen haben durch ihre Hintermannschaft verloren. Jordan war der schwächste Punkt.« Und auch der eigene Verband schonte ihn nicht:

»Falls nicht der Back Jordan so versagte, wäre es wohl möglich gewesen, ein unentschiedenes Resultat zu erringen.«

— DFB-Spielausschuss-Chef Hugo Kubaseck, nach Spiegel einestages

Ganz fair ist das nicht. Die Basler Nachrichten sahen die Schwäche bei beiden »Backs«, also auch bei Jordans Nebenmann. Und der Regen machte keinen Unterschied zwischen den Spielern. Aber ein Eigentor bleibt nun mal hängen.

Meister ohne Adler

Das Nationaltrikot zieht Ernst Jordan nie wieder an. Riso ist beim nächsten Auswärtsspiel in Wien wieder dabei. Für Jordan beginnt dafür im Verein die beste Zeit. Mit Cricket-Viktoria wird er 1910 erstmals Meister des Gaus Mittelelbe. Danach verteidigt der Klub den Titel jedes Jahr bis zum Kriegsausbruch: fünf Meisterschaften in Folge, 1910 bis 1914. 1914 endet auch Jordans Zeit bei Cricket-Viktoria.

Eine Frage bleibt offen. Der Tagesspiegel schrieb 2008, ein »Ernst Langmeier« sei in Basel »unter falschem Namen« aufgelaufen, »wohl aus Angst vor Schikanen im Beruf«. Auch das Spielerprofil beim kicker trägt den Namen Langmeier, mit Jordan in Klammern. Die meisten Quellen sehen es umgekehrt: Wikipedia stützt sich auf das Magdeburger Sterberegister, das einen Ernst August Jordan verzeichnet, und nennt »Langmeier« einen Spitznamen. Auch das Nationalspieler-Lexikon von 1939 kennt nur »Jordan, Ernst«. Welche Version stimmt, lässt sich aus den geöffneten Quellen nicht endgültig klären.

Ernst Jordan stirbt am 19. Februar 1948 in Magdeburg, 64 Jahre alt. Die Magdeburger Stadtchronik erinnert an ihn mit einem Satz, der beides enthält, den Stolz und die Ironie: Er stand im ersten Länderspiel auf dem Platz und hatte »die zweifelhafte Ehre auch das erste Eigentor für (oder besser gegen) Deutschland zu erzielen«.

Ernst Jordan auf einen Blick

Geboren: 18.5.1883 in Magdeburg
Gestorben: 19.2.1948 in Magdeburg
Spitzname: »Langmeier« (wegen seiner Größe von knapp 1,90 m)
Vereine: Magdeburger FuCC Cricket-Viktoria 1897 (1901–1914)
Position: Verteidiger (links und rechts)
Titel: Meister des Gaus Mittelelbe 1910, 1911, 1912, 1913, 1914
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore, 1 Eigentor (1908)
Beruf: Malermeister (1939 als Dekorateur geführt)
Nationalspieler Nr.: 03 (Debüt 5.4.1908 in Basel gegen die Schweiz)

Quellen

Wikipedia: Ernst Jordan (Fußballspieler) · Wikipedia: Fußballländerspiel Schweiz – Deutschland 1908 · Wikipedia: FuCC Cricket-Viktoria 1897 Magdeburg · Spiegel einestages: Der schwarze Tag von Basel · Tagesspiegel: Acht Tore und ein Smoking voller Saucenflecken · Magdeburger Chronist: Fußballgeschichte · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D 3 (1992) · Kicker-Almanach 1996 · DFB-Datencenter