Andreas Breynck – der Olympialäufer, der von der Tribüne eingewechselt wurde
Die meisten Nationalspieler der frühen Jahre werden berufen. Andreas Breynck wird gefunden. Am 16. Mai 1910 sitzt der Duisburger beim Länderspiel gegen Belgien im Publikum, als sich der deutsche Mittelstürmer Peco Bauwens verletzt. Man sucht Ersatz und holt Breynck. Nach 55 Minuten ist er Nationalspieler, laut dem Journalisten Udo Muras der erste Einwechselspieler der DFB-Geschichte. Dabei war Breynck eigentlich Läufer, und zwar ein richtig guter: Zwei Jahre zuvor war er bei den Olympischen Spielen in London gestartet.
»Im 6. Vorlauf führte zunächst der Schwede Danielson die ersten 500 m in schärfstem Tempo; dann ging Breynck an die Spitze; bei 600 m ging Just (England) vorbei und unaufhaltsam davon.«
Ein Mittelstreckler von Preußen Duisburg
Andreas Wilhelm Breynck wird am 26. September 1888 in Duisburg geboren, so steht es bei Wikipedia und in der Olympia-Datenbank Olympedia. Eine amerikanische Olympia-Statistik nennt dagegen den 4. Juli 1890. In Aufstellungen und im Lexikon von 1939 heißt er meist Breynk, ohne c.
Sein Verein ist der Duisburger SC Preußen, für den er Fußball spielt und läuft. Auf der Bahn ist er erfolgreicher. 1906 wird Breynck Zweiter der Deutschen Meisterschaften über 1500 Meter. 1908 läuft er über 1000 Meter 2:37,0 Minuten, deutscher Rekord. Laut Wikipedia bleibt er damit als erster Deutscher auf dieser Strecke unter 2:40. Olympedia listet westdeutsche Titel über 800 und 1500 Meter 1907, dazu 1909 über 400, 800 und 1500 Meter.
Olympia 1908: zweimal Zweiter, zweimal draußen
Im Juli 1908 fährt Breynck mit der deutschen Mannschaft nach London. Die Olympischen Spiele finden im White City Stadium statt. Aus Duisburg sind zwei Athleten dabei, schreibt Richard Harbott 1926: Dr. O. P. Trieloff und A. Breynck.
Das Reglement ist hart: In den Vorläufen kommt jeweils nur der Sieger weiter. Am 13. Juli startet Breynck über 1500 Meter im sechsten Vorlauf. Er wird Zweiter hinter dem Briten Joe Deakin, der 4:13,6 Minuten läuft. Breyncks Zeit wird auf etwa 4:30 geschätzt, er ist raus.
Eine Woche später, am 20. Juli, folgt die zweite Chance über 800 Meter, wieder im sechsten Vorlauf. Diesmal geht Breynck in Führung. Der Begleiter der deutschen Mannschaft, ein Rechtsanwalt namens Mehlkopf, beschreibt das Rennen: Erst hetzt der Schwede Danielson 500 Meter lang vorn, dann übernimmt Breynck. Bei 600 Metern zieht der Brite Theodore Just vorbei »und unaufhaltsam davon«. Just gewinnt in 1:57,8 mit 50 Yards Vorsprung, Breynck wird wieder Zweiter, geschätzt in 2:06,0. Wieder raus. Im Finale holt ein anderer Deutscher, Hanns Braun, Bronze.
1909 wird Breynck noch zweimal Deutscher Vizemeister, über 400 und 1500 Meter.
Fußball mit Preußen
Nebenbei ist Breynck Mittelstürmer, so das Lexikon von 1939. Die Fußballer von Preußen Duisburg hatten sich laut Wikipedia 1907/08 vom Spielbetrieb zurückgezogen. In der Saison 1908/09 sind sie zurück und gleich stark: Bezirksmeister im Ruhrbezirk, nach einem Entscheidungsspiel gegen den großen Nachbarn Duisburger Spielverein. Im Endspiel um die Westdeutsche Meisterschaft am 3. April 1909 verliert Preußen 2:3 gegen den FC München-Gladbach, nach Verlängerung, wie die Chronik des Duisburger Spielvereins vermerkt.
Der große Tag: Von der Tribüne aufs Feld (Mai 1910)
Pfingstmontag, 16. Mai 1910. Deutschland spielt erstmals gegen Belgien, in Duisburg, auf dem Platz des Duisburger Spielvereins am Grunewald. 8.000 Zuschauer sind gekommen, Schiedsrichter ist der Niederländer Herbert James Willing.
Die Vorzeichen sind schlecht. Am Vortag war in Köln das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft, die vorgesehenen Karlsruher und Kieler fehlen. Eine Stunde vor dem Anpfiff sind laut der »Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« erst sieben Spieler da. Also werden Zuschauer rekrutiert: Alfred Berghausen von Breyncks Preußen und Lothar Budzinski-Kreth vom Spielverein, dazu nach mehreren Darstellungen Christian Schilling. Breynck bleibt zunächst auf der Tribüne.
Belgien führt nach 20 Minuten durch Robert De Veen. Irgendwann um die Pause verletzt sich Mittelstürmer Peco Bauwens, der spätere DFB-Präsident. Die Quellen sprechen von Muskelriss, Sehnenzerrung oder einer alten Verletzung. Die »Sucherei«, so die Chronik der Nationalmannschaft, geht erneut los. Diesmal trifft es den Olympialäufer.
Ab der 55. Minute spielt Breynck. Udo Muras ergänzt ein Detail: Bis er sich umgezogen hatte, vergingen zehn Minuten. Und er nennt es die erste Auswechslung der DFB-Geschichte. Erlaubt war so etwas laut Muras bis nach dem Zweiten Weltkrieg nur in Testspielen und nach Absprache mit dem Gegner.
Viel ausrichten kann Breynck nicht. Saeys und Van Staceghem treffen in der Schlussphase, das Spiel endet 0:3. Die schärfsten Worte der Neuen Sport Woche gelten allerdings nicht den Aushilfen auf dem Platz, sondern dem Spielausschuss des DFB:
»Diese Herren haben uns geradezu in der formvollendetsten Weise blamiert.«
Russland, Rotterdam, Schwelm
1911 beendet Breynck laut Wikipedia seine Fußballerlaufbahn und wandert nach Südrussland aus. Was er dort macht, verraten die Quellen nicht. Seit 1921 arbeitet er als Prokurist einer holländischen Reederei in Rotterdam.
Zum 1. Mai 1936 tritt Breynck der NSDAP bei, Mitgliedsnummer 3.722.612. Zum 1. April 1940 wird er wegen Unterschlagung wieder ausgeschlossen. Beides steht bei Wikipedia, gestützt auf die Mitgliederkartei im Bundesarchiv und einen Artikel der ZEIT von 2024.
Andreas Breynck stirbt am 12. Juli 1957 in Schwelm.
Andreas Breynck auf einen Blick
Geboren: 26.9.1888 in Duisburg
Gestorben: 12.7.1957 in Schwelm
Vereine: Duisburger SC Preußen (Fußball und Leichtathletik)
Position: Mittelstürmer
Titel: Deutscher Rekord über 1000 m (1908); Olympiateilnehmer 1908 (800 m, 1500 m)
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1910, eingewechselt)
Beruf: Prokurist einer Reederei (ab 1921)
Nationalspieler Nr.: 64 (Debüt 16. Mai 1910 in Duisburg)
Quellen
Wikipedia: Andreas Breynck · Wikipedia: Olympia 1908, 800 m · Wikipedia: Olympia 1908, 1500 m · Olympedia: Andreas Breynck · Harbott: Olympia und die olympischen Spiele (1926) · Sport1 (Udo Muras): Das peinlichste deutsche Länderspiel · DFB-Datencenter: Deutschland – Belgien 1910 · Weser-Kurier (dpa), 2010 · Duisburger Spielverein: Historie 1908–1918 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996