Wilhelm Gros – der Draufgänger aus der KFV-Läuferreihe
Einer muss die Bälle holen, damit die anderen glänzen können. Beim Karlsruher FV von 1911 und 1912 ist das unter anderen Wilhelm Gros, rechter Läufer, Student, Sohn eines Wagnermeisters. Vor ihm stürmen Förderer, Fuchs und Hirsch, das berühmteste Trio der Kaiserzeit. Gros räumt dahinter auf. Er wird zweimal süddeutscher Meister, deutscher Vizemeister, Kronprinzenpokalsieger und bestreitet ein einziges Länderspiel: das 5:5 von Zwolle im März 1912, eines der wildesten Spiele der frühen Nationalmannschaft. Fünf Jahre später ist er tot.
»… der ohne Rücksicht auf sich selbst, jedoch immer fair und ohne seine Gegenspieler zu verletzen, bis zum Umfallen kämpfte.«
Aus der Jugend in die Meisterelf
Wilhelm Emanuel Gros kommt am 6. Juli 1892 in Karlsruhe zur Welt. Sein Vater, ebenfalls Wilhelm, ist Wagnermeister. Der Junge spielt in der Jugendabteilung des Karlsruher FV, und der ist in diesen Jahren das Maß aller Dinge im Süden: Deutscher Meister 1910, mit einem englischen Trainer namens William Townley und einem Innensturm, von dem man noch Jahrzehnte später schwärmt.
In der Saison 1910/11 rückt Gros auf. Er ersetzt den alternden Meisterspieler Hans Ruzek als rechten Läufer. Die Läuferreihe ist damals das Herz einer Mannschaft, drei Mann zwischen Abwehr und Sturm. In der Mitte steht bei Karlsruhe Max Breunig, den sie laut Libero wegen seines scharfen Schusses den »Bomber« nennen. Links Hermann Bosch. Rechts, mit 18 Jahren, Gros.
Wie er spielt, ist in zwei Sätzen überliefert, die Steffen Herberger in seinem Porträt für den KFV zitiert. Gros sei ein Draufgänger gewesen, einer, der »ohne Furcht […], freilich auch ohne sich zu verletzen, gleichzeitig mit dem Gegner auf den Ball schlug«. Und einer, der bis zum Umfallen kämpfte, aber immer fair. Wikipedia nennt ihn den »Zerstörer des gegnerischen Spielflusses und Ballabnehmer«. Nicht nur ein Techniker, heißt es dort, sondern vor allem ein harter Zweikampfspieler. Einer, der den Ball erobert für die, die vorne die Tore machen.
Zwei Jahre, fünf Endrundenspiele
Die erste Endrunde spielt Gros im Mai 1911. Karlsruhe ist Titelverteidiger und trifft am 7. Mai in Fürth auf Tasmania Rixdorf. Über eine Stunde leisten die Berliner »aufopferungsvollen Widerstand«, dann sind sie laut der Endrundenstatistik der IFFHS »kräftemäßig am Ende«. 4:0, drei Tore von Fritz Förderer. Die KFV-Seite schreibt diese drei Tore allerdings Gros zu. Das ist wohl eine Verwechslung, die Spielstatistik nennt Förderer, mit Minuten. Im Halbfinale ist Schluss, 0:2 gegen den VfB Leipzig in Frankfurt, ohne den Mittelläufer Breunig.
Wenige Tage später, am 25. Mai 1911, steht Gros in Berlin schon im Finale des Kronprinzenpokals, für die Auswahl Süddeutschlands. Es geht in eine zweite Verlängerung, der Süden verliert 2:4. Im Februar 1912 kommt er wieder, diesmal mit Burger und Breunig in der Läuferreihe, und diesmal gewinnt der Süden das Finale gegen Brandenburg mit 6:5.
Die Endrunde 1912 wird ein Siegeszug bis kurz vor dem Ziel: 8:1 beim Cölner BC, 3:1 gegen die SpVgg Leipzig. Im Finale am 26. Mai 1912 auf der Hoheluft in Hamburg wartet Holstein Kiel. 9.000 Zuschauer sehen, wie Gottfried Fuchs sich kurz nach Beginn am Knie verletzt. In der 52. Minute gibt es Elfmeter für Kiel, Ernst Möller trifft. Karlsruhe verliert 0:1 und ist nur Vizemeister. Für Gros bleibt es das letzte Endspiel.
Der große Tag: Das 5:5 von Zwolle (März 1912)
Zwei Monate vor diesem Finale, am 24. März 1912, spielt Deutschland in Zwolle gegen die Niederlande. Der DFB schickt eine Elf, die zu großen Teilen aus Karlsruhe kommt: sechs Mann vom KFV, zwei vom Stadtrivalen Phönix. Gros ist einer der sechs, 19 Jahre alt, zum ersten Mal dabei. Die Läuferreihe kennt sich aus dem Kronprinzenpokal: Karl Burger aus Fürth, Breunig in der Mitte und Gros.
Der Empfang ist herzlich. Gerd Krämer hat ihn beschrieben: Der niederländische Verbandspräsident holt die Deutschen am Samstagabend um neun Uhr am Bahnhof ab, Tausende stehen Spalier, der Bürgermeister begrüßt die Mannschaft noch in der Nacht im Rathaus. Am Sonntag laufen die Deutschen kurz vor halb drei ein, unter »unbeschreiblichem Applaus«. Schiedsrichter ist der Engländer John Howcroft. Das DFB-Datencenter zählt 10.000 Zuschauer, eine spätere Chronik 18.000.
Dann geht es los, und zwar in beide Richtungen. Jan Thomée bringt Holland früh in Führung, Fuchs und Hirsch drehen das Spiel binnen einer Minute. Hirsch erhöht auf 3:1, Mannes Francken verkürzt, zur Pause steht es 3:2 für Deutschland. Zwei Minuten nach Wiederanpfiff gleicht Francken aus, dann führt Holland 4:3, und in der 66. Minute unterläuft Kapitän Breunig ein Eigentor zum 5:3. Dann trifft Julius Hirsch noch zweimal, in der 75. und 79. Minute. 5:5.
Vier Tore eines Deutschen in einem Länderspiel, das hat es vorher nicht gegeben. Die »Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft« nennt das Remis nach zeitgenössischen Quellen die wohl beste Leistung einer deutschen Elf vor 1914. Das Rezept: »Blockbildung«, also Spieler, die sich aus dem Verein kennen. Für Gros bleibt es trotzdem das einzige Länderspiel. Bei den Olympischen Spielen im Sommer steht er in keinem der drei deutschen Spiele.
»Das Spiel löst geradezu eine überschäumende Demonstration freundschaftlicher Gefühle aus, und wenn man überhaupt dem Sport die Fähigkeit und Aufgabe zumessen will, die Völker zu verbinden, hier, im holländischen Zwolle, erfüllt er sie voll und ganz.«
Flieger über Flandern
Nach 1912 verliert sich die Spur des Fußballers. In der Chronik »90 Jahre Karlsruher FV« taucht er in den Spielzeiten 1912/13 und 1913/14 nicht mehr im Kader auf, schreibt Wikipedia. Laut KFV-Seite spielt er 1913/14 kurzzeitig beim VfR Mannheim.
Bei Kriegsbeginn 1914 wird der Student eingezogen. Er beginnt als Mechaniker bei der Feldflieger-Abteilung 27, wird zum Flugzeugführer ausgebildet, dient bei der Artillerie-Fliegerabteilung 207 und kommt schließlich als Leutnant der Reserve zur Jagdstaffel 17 an der Westfront. So steht es übereinstimmend auf der KFV-Seite und in der Datenbank frontflieger.de.
Am 22. August 1917 kommt Wilhelm Gros bei Vlissegem in Westflandern ums Leben, er ist 25 Jahre alt. Die Umstände werden unterschiedlich beschrieben: ein Beobachtungsflug laut Wikipedia und KFV, ein Luftkampf westlich von Brügge laut Stadtwiki Karlsruhe. Das Lexikon der Nationalspieler von 1939 nennt ihn einen Fliegeroffizier und Beobachter. Er trug das Eiserne Kreuz beider Klassen. Am 1. September 1917 wird er auf dem Hauptfriedhof in Karlsruhe beigesetzt.
Wilhelm Gros auf einen Blick
Geboren: 6.7.1892 in Karlsruhe
Gestorben: 22.8.1917 bei Vlissegem (Flandern), gefallen als Leutnant der Fliegertruppe
Vereine: Karlsruher FV (1910–1913), laut KFV kurzzeitig VfR Mannheim (1913/14)
Position: rechter Läufer
Titel: Süddeutscher Meister 1911, 1912; Deutscher Vizemeister 1912; Kronprinzenpokal 1912 (mit Süddeutschland)
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1912)
Beruf: Student
Nationalspieler Nr.: 85 (Debüt 24. März 1912 in Zwolle)
Länderspiele
Quellen
Wikipedia: Wilhelm Gros · Karlsruher FV: Wilhelm Emmanuel Gros – Früher Tod in der Luft · frontflieger.de: Fliegertruppe, Buchstabe G · Stadtwiki Karlsruhe: Wilhelm Gros · DFB-Datencenter: Niederlande – Deutschland 5:5 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D 3 (IFFHS) · Libero 36 (IFFHS) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1910/11 · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1911/12 · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1911/12 · Kicker-Almanach 1996