Erich „Bommatz“ Fischer – Pforzheims Rechtsaußen in der Nationalelf

Der Sportjournalist Hans Blickensdörfer, in Pforzheim aufgewachsen, hielt Erich Fischer für den begabtesten Dribbler des deutschen Fußballs auf dem rechten Flügel. Sepp Herberger habe es ihm viele Jahre später bestätigt, so erzählt er: »Bloß een Kopp zu klee isch er gwese.« Was genau mit dem Kopf gemeint war, überliefert die Quelle nicht. Fischer, genannt »Bommatz«, spielte beim 1. FC Pforzheim. Für die Nationalelf reichte es nur zweimal: am 1. Juli 1932 in Helsinki und am 19. März 1933 in Berlin, beim 3:3 gegen Frankreich.

Erich Fischers Laufbahn · 1. FC Pforzheim, Süddeutschland und zwei Länderspiele, 1909–1990
Erich Fischers Laufbahn · 1. FC Pforzheim, Süddeutschland und zwei Länderspiele, 1909–1990

»Ich bin der festen Ansicht, dass er am rechten Flügel der begabteste Dribbler des deutschen Fußballs war.«

— Hans Blickensdörfer über Erich Fischer, zitiert nach Gernot Otto: 100 Jahre 1. FC Pforzheim, 1996 (nach Wikipedia)

Vom Holzhof ins Brötzinger Tal

Erich Fischer wird am 31. Dezember 1909 geboren, einen Geburtsort nennt keine Quelle. Er stirbt nach der deutschen Wikipedia, die sich auf Andreas Ebners Buch über die Gauliga Baden stützt, am 17. November 1990; die englische Wikipedia nennt nur den Dezember. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 führt ihn als Goldschläger, passend zur Schmuckstadt.

Angefangen hat er beim VfR Pforzheim auf dem Holzhof. 1927, mit 17, wechselt er nach der Wikipedia zum größeren 1. FC Pforzheim ins Brötzinger Tal und bleibt dort, vom Krieg unterbrochen, bis zum Karriereende 1947. Bei der Position gehen die Quellen auseinander: Das Lexikon nennt ihn Halbrechten, die Zeitungen 1932 und 1933 Rechtsaußen, die Wikipedia bei einem Auswahlspiel 1937 halbrechten Verbinder. Sie beschreibt ihn als Techniker mit gewaltigem Schuss und nennt mehr als 1.200 Spiele für den Club; ob Freundschaftsspiele mitzählen, sagt sie nicht.

Der Club in Fischers Jahren

1930/31 wird der Club nach einem 3:2 im Entscheidungsspiel gegen den VfB Stuttgart Zweiter der Gruppe Württemberg und beendet die süddeutsche Endrunde auf Platz vier von acht. Ein Jahr später gewinnt er die Gruppe mit 11 Siegen, 5 Unentschieden und 2 Niederlagen bei 54:28 Toren vor dem VfB, in der Endrunde wird es wieder Platz vier, der FC Bayern holt den Titel. Die Wikipedia erzählt von der »Wundermannschaft« der »Blauen Teufel« und von fünf Fischer-Toren beim 6:2 gegen die Bayern in der Endrunde, ohne Datum.

Ab 1933 spielt der Club in der Gauliga Baden. Er wird dreimal Zweiter, 1936, 1938 und 1939, zur Gaumeisterschaft reicht es nicht.

Bommatz im Süden

Dass Fischer mehr war als ein Vereinsspieler, zeigen die Auswahlspiele. Am Sonntag, dem 4. Dezember 1932, spielt er für Süddeutschland in Paris, im Buffalo-Stadion, vor 18.000 Zuschauern gegen eine Auswahl der Pariser Profiliga. Am selben Tag verliert die Nationalelf in Düsseldorf 0:2 gegen die Niederlande, siehe Carl-Heinz Mahlmann. Die Süddeutschen gewinnen 5:2, in der Mannschaft habe sich nach dem Darmstädter Tagblatt »nicht ein einziger Versager« gezeigt. Nach der Pause erhöhen Langenbein, Merz und Fischer »mit gut placierten Schüssen« auf 4:0. Mit Merz steht ein zweiter Pforzheimer im Sturm.

Am 23. April 1933 gewinnt Süddeutschland in Mannheim den Pokal des Deutschen Fußball-Bundes, den früheren Kronprinzenpokal, 6:1 gegen Südostdeutschland. Fischer bildet mit dem Saarbrücker Edmund Conen den rechten Flügel, in der Mitte spielt Oskar Rohr. Das Tagblatt nennt den Sturm »ganz hervorragend«: »Auch die beiden Außen Fath und Fischer fügten sich glänzend in den Rahmen ein.« Für die Gauauswahl Baden spielt er 1937 und 1938 im Reichsbundpokal, beide Male bis ins Halbfinale.

Helsinki 1932

Am Freitag, dem 1. Juli 1932, tritt die DFB-Elf in Helsinki an, es ist nach der Zählung der RSSSF das 89. Länderspiel. Reichstrainer Otto Nerz stellt Hans Jakob ins Tor und im Sturm Fischer, den Dresdner Richard Hofmann, Willi Rutz, Ernst Kuzorra und Stanislaus Kobierski auf. Fischer bildet nach der Wikipedia mit Hofmann den rechten Flügel.

Es wird schwerer als erwartet. Hofmann trifft früh, Åström gleicht aus, bis zur 77. Minute steht es 1:1. Dann köpft Rutz das 2:1, Hofmann schießt nach dem DFB-Datencenter in der 80. und 81. Minute zwei weitere Tore. Das Tagblatt lobt die Finnen für ein »überraschend gutes Spiel«; die deutsche Stürmerreihe sei »mit Ausnahme von Rich. Hofmann recht schwach« gewesen. Ein Urteil über Fischer allein steht nicht darin. Ein Tor schießt er nicht.

Für Budapest im Oktober ist er trotzdem wieder vorgesehen. Am 24. Oktober druckt das Tagblatt die vom Spielausschuss aufgestellte Elf mit Fischer auf Rechtsaußen, »dessen Aufstellung nicht ganz sicher ist«. Drei Tage später steht eine andere Elf in der Zeitung, mit dem Düsseldorfer Ernst Albrecht auf dem rechten Flügel. Es habe »mit der Mannschaftsaufstellung nicht alles geklappt«, schreibt das Blatt; warum Fischer wegfiel, steht dort nicht. Das Spiel geht 1:2 verloren, siehe Lorenz Huber.

Der große Tag: Berlin, 19. März 1933

Am Montag, dem 13. März 1933, meldet die niederländische Zeitung Het Volk unter der Überschrift »Deutsche Elf völlig verändert, Richard Hofmann Reserve« die Elf, die der DFB-Spielausschuss für Berlin zusammengestellt hat: Jakob; Haringer, Wendl; Gramlich, Hergert, Mantel; vorn Fischer, Lachner, Rohr, Lindner und Kobierski. Als Ersatzleute stehen Buchloh vom VfB Speldorf, Brunke von Tennis Borussia, Appel vom Berliner SV 92 und der Dresdner Hofmann bereit. Nur wenige Spieler der alten Elf seien übrig geblieben, schreibt das Blatt, und gerade Hofmanns Rolle als Reservist sei bezeichnend.

Am Sonntag, dem 19. März 1933, empfängt die Nationalelf Frankreich im Berliner Deutschen Stadion. Nach dem DFB-Datencenter sind es 55.000 Zuschauer, das Tagblatt nennt 45.000. Zwei Tage vorher hatte es geschrieben, die Elf habe »nicht ungeteilten Beifall im Reich« gefunden. Fischer spielt rechts, Kobierski links.

Frankreich führt in der 22. Minute durch Roger Rio, Oskar Rohr gleicht in der 28. aus und trifft in der 45. zum 2:1. Ludwig Lachner macht in der 65. das 3:1. Dann kippt das Spiel: In der 81. und der 83. Minute schießt René Gérard zwei Tore, 3:3. Das Tagblatt macht die Abwehr verantwortlich, Heinrich Hergert sei der Schlussphase nicht mehr gewachsen gewesen. Die niederländischen Zeitungen vom 20. März, die weitgehend gleichlautende Berichte drucken, sehen es ähnlich: Die Deutschen spielten technisch nicht schlecht, aber ohne Tempo, ohne Entschlossenheit und zögerlich vor dem Tor, das Innentrio habe mit dem Ball wenig anfangen können. Dagegen seien Fischer und Kobierski die besten Stürmer gewesen, schnell und mit guten Flanken. Dass sie »die einzigen Westdeutschen unter lauter Süddeutschen« gewesen seien, ist freilich ein Irrtum der Berichterstatter: Fischer kommt aus Pforzheim, und das liegt in Baden.

Deutschland – Frankreich 3:3 in Berlin · Fischer auf dem rechten Flügel, Frankreich gleicht in der 83. Minute aus
Deutschland – Frankreich 3:3 in Berlin · Fischer auf dem rechten Flügel, Frankreich gleicht in der 83. Minute aus

Für Fischer fällt das Urteil gut aus: »Der Sturm hatte in Fischer und Kobierski zwei gute Flügel, die den Angriff immer wieder nach vorn trieben.« Ein Tor schießt er nicht, die Wikipedia hebt aber hervor, dass er an der Seite Rohrs einige Male seine Schusskraft zeigte. Kurz vor der Pause kommt Hofmann für den Frankfurter Willi Lindner; das Tagblatt hielt Lindner für den Besseren.

Danach

Es bleibt bei zwei Länderspielen. Im Herbst spielt die Nationalelf mit einer neuen Mannschaft, von den Berlinern steht beim 8:1 gegen Belgien in Duisburg nur noch Kobierski auf dem Platz. Als Konkurrenten auf Rechtsaußen nennt die Wikipedia Ernst Lehner. Gründe für Fischers Aus nennen die Quellen nicht. Er bleibt in Pforzheim und hört 1947 auf. Über sein Leben danach geben die Quellen nichts her.

Die Nationalelf hatte mehrere Fischers: Paul Fischer spielte 1908 als Verteidiger gegen England, Walter Fischer 1928 bis 1930 auf Linksaußen. Erich Fischer ist der Pforzheimer; Statistikseiten führen ihn teils als »Erich Fischer I«.

Erich Fischer auf einen Blick

Geboren: 31.12.1909 (Ort nicht angegeben)
Gestorben: 17.11.1990 (nach der deutschen Wikipedia; englisch: Dezember 1990)
Verein: 1. FC Pforzheim (1927–1947), zuvor VfR Pforzheim
Position: Rechtsaußen, laut Lexikon 1939 Halbrechter
Beruf: Goldschläger (Lexikon 1939)
Bilanz: 2 Länderspiele (1 Sieg, 1 Unentschieden), kein Tor (1932, 1933)
Erfolge: Sieger im Bundespokal (Kronprinzenpokal) mit Süddeutschland 1933; mit dem Club Gruppensieger Württemberg 1932 und Gauliga-Vizemeister 1936, 1938, 1939

Länderspiele

Quellen