Richard Girulatis – der erste deutsche Fußballpädagoge
Richard Girulatis gehört zu den frühesten deutschen Fußballtrainern, deren Ideen sich nicht nur über Ergebnisse, sondern über eigene Lehrtexte rekonstruieren lassen. Seine Bedeutung liegt weniger in einer einzelnen Meisterschaft als darin, dass er Fußball systematisierte: Technik, Taktik, Training und Mannschaftspsychologie wurden bei ihm zu lehrbaren Gegenständen, lange bevor das in Deutschland selbstverständlich war.
Vom Berliner Spieler zum Trainer
Girulatis wird 1878 geboren und gehört zur frühen Berliner Fußballgeneration. Als Spieler und Mitbegründer von Union 92 erlebt er den Übergang vom improvisierten Vereinsfußball zum organisierten Wettbewerb selbst mit. Später wechselt er auf die Trainerseite. Bei Tennis Borussia Berlin arbeitet er bereits in einer Zeit, in der das Traineramt in Deutschland noch stark von englischen Fachleuten geprägt ist. Damit gehört er zu den ersten Deutschen überhaupt, die das Trainieren als eigenständige Fachkompetenz begreifen.
Ein Lehrbuch als Diagnose
1919 erscheint sein Buch „Fußball. Theorie, Technik, Taktik“, die vierte, erweiterte Auflage von 1923 umfasst 147 Seiten. Das Werk ist deshalb so wertvoll, weil Girulatis darin nicht nur Übungen beschreibt, sondern den Zustand des deutschen Fußballs bewertet. Im Vorwort von 1923 beklagt er, Deutschland sei trotz großer Verbreitung des Spiels international nur zweitklassig. Seine Analyse ist also nicht triumphalistisch, sondern diagnostisch: Der Massenfußball brauche bessere Ausbildung, bessere Technik und mehr taktisches Verständnis.
Berühmt geworden ist aus diesem Lehrbuch ein Satz, der später oft Sepp Herberger zugeschrieben wurde: „Elf Freunde müsst ihr sein, um Siege zu erringen.“ Bei Girulatis steht er bereits Jahrzehnte früher. Das ist mehr als eine kuriose Frage der Urheberschaft. Der Satz zeigt, dass Girulatis Mannschaftsleistung nicht nur technisch, sondern sozial verstand: Freundschaft, Zusammenhalt und ein klares Rollenverständnis waren für ihn Teil sportlicher Leistungsfähigkeit.
Hochschule und Lehrfilm
1920 wird Girulatis als Fußball-Dozent an die neu gegründete Deutsche Hochschule für Leibesübungen berufen. Damit wandert Fußballwissen aus dem Vereinsalltag in eine akademisch organisierte Ausbildungsinstitution. Bemerkenswert ist zudem seine Arbeit am frühen Fußball-Lehrfilm: Eine zeitgenössische Ankündigung vom April 1921 beschreibt einen technisch aufwendigen Film mit Zeitlupenaufnahmen und nennt Girulatis als verantwortlichen Fußballlehrer. Moderne Medientechnik und Trainingslehre verbinden sich hier – lange bevor Videoanalyse im Fußball selbstverständlich wurde.
Vereinsstationen und offene Fragen
Als Vereinstrainer arbeitet Girulatis unter anderem beim Hamburger SV und bei Hertha BSC. Beim HSV will er nach eigener Aussage ungestört nach seinen Vorstellungen arbeiten. Solche Stationen werden erst dann wirklich aufschlussreich, wenn man sie mit seinem Lehrbuch abgleicht: Was von der Theorie lässt sich in Berichten über seine Mannschaften tatsächlich wiederfinden? Eine vollständige Antwort darauf steht noch aus.
Eine Biografie Girulatis’ erzählt ihn deshalb als ersten großen deutschen Fußballpädagogen. Lehrbuch, Hochschule und Lehrfilm bilden zusammen ein Programm: Fußball sollte beobachtet, analysiert, demonstriert und gelehrt werden. Damit steht Girulatis am Anfang einer Entwicklung, die über Otto Nerz und Sepp Herberger zum professionellen deutschen Trainerwesen führte.
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Quellenkritischer Stand: 2. Oktober 2026 | Basierend auf dem internen Rechercheprojekt „Rasenpoesie Best-Online v37" (Primärquellenstatus: A/B – das eigene Lehrbuch ist als Primärquelle direkt nachweisbar). Offene Prüfpunkte: Die verschiedenen Auflagen des Lehrbuchs sind noch nicht vollständig miteinander verglichen, die Produktion und Vorführung des Lehrfilms von 1921 ist noch nicht rekonstruiert, und die Trainingsberichte von HSV und Hertha BSC wurden bislang nicht systematisch mit seinen Lehrbuchthesen abgeglichen.