Wilhelm Straßburger – ein Duisburger Rotbluse in der Nationalelf von 1930

Zweimal stand Wilhelm Straßburger für Deutschland auf dem Platz, und zweimal bekam er es von der Zeitung ab. Nach seinem Debüt in Kopenhagen, 3:6, schrieb das »Darmstädter Tagblatt«, er und sein Sturmkollege Hohmann hätten nicht beweisen können, dass sie die Ehre verdient haben, international zu spielen. Nach dem zweiten Spiel in Breslau, 1:1, hoffte dasselbe Blatt, man werde beide in einer Nationalelf nicht mehr wiedersehen. Es kam so. Straßburger aber spielte danach noch zehn Jahre für seinen Duisburger SpV, und für keinen anderen Verein.

Wilhelm Straßburgers Laufbahn · Duisburger SpV 1925–1940 und zwei Länderspiele 1930
Wilhelm Straßburgers Laufbahn · Duisburger SpV 1925–1940 und zwei Länderspiele 1930

»Die beiden Westdeutschen Hohmann und Straßburger konnten nicht beweisen, daß sie die Ehre, international zu spielen, verdient haben.«

— Darmstädter Tagblatt, 8. September 1930, nach dem 3:6 in Kopenhagen

Ein Schlosser vom Spielverein

Wilhelm Straßburger wird am 12. Juli 1907 geboren. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt ihn »Willy«, gibt Duisburg als Heimatort an und als Beruf Schlosser; die Wikipedia nennt ihn einen gelernten Schlosser. Gestorben ist er am 21. Dezember 1991, wo, sagt keine der benutzten Quellen. Die englische Wikipedia nennt Duisburg als Geburtsort und stützt sich dafür auf einen Auktionskatalog.

Sein Verein ist der Duisburger Spielverein, kurz DSV, wegen seiner roten Trikots die »Rotblusen«. Der Verein hat Geschichte. Nach der Wikipedia ging die Fußballabteilung am 22. März 1900 aus der Duisburger Turngemeinde von 1848 hervor, auf Anregung von Gottfried Hinze. 1913 wurde der DSV Deutscher Vizemeister, westdeutscher Meister war er mehrfach, zuletzt 1927. Gespielt wird an der Rheintörchenstraße in Wanheimerort; die Stadt übernahm den Platz 1930 und verpachtete ihn an den Verein zurück. Das ist der Hintergrund, vor dem ein junger Schlosser 1925 in die erste Mannschaft kommt: ein großer Name, der schon ein wenig von den eigenen Erinnerungen lebt. Von 1925 bis 1940 gehört Straßburger nach der Wikipedia ausschließlich diesem Klub an. Er kommt auf beiden Flügeln zum Einsatz, so die Wikipedia, und rückt erst am Ende seiner Laufbahn in die Verteidigung zurück. Das Lexikon von 1939 führt als Stammposten »Rechtsaußen, jetzt Verteidiger«.

Sportlich fällt in seine Zeit eine Delle. Nach der Wikipedia sackt der DSV Ende der Zwanzigerjahre ins Mittelmaß ab und gerät in finanzielle Schieflage, viele Leistungsträger wechseln. Straßburger spielt bis 1929 in der Bezirksklasse Niederrhein, danach in der Bezirksliga. Beim letzten Auftritt des DSV in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft, dem 4:5 nach Verlängerung bei Kickers 1900 in Berlin am 8. Mai 1927, ist er nach der Wikipedia nicht dabei. Ob er 1928 in den Endspielen um die Niederrheinmeisterschaft gegen Preußen Krefeld (2:4, 3:4) auf dem Platz stand, lässt sich nicht klären, denn die Tabellenwerke nennen dort keine Namen.

Bundespokal und Berufung

Am 13. Oktober 1929 spielt Straßburger in Dortmund für die Auswahl Westdeutschlands gegen Norddeutschland, im Bundespokal, auf Rechtsaußen und neben seinem Vereinskameraden Hans Gruber. 15.000 Zuschauer sehen im Stadion Rote Erde, so das Tagblatt vom 14. Oktober, eine Überraschung: ein klares 4:1 des Nordens (1:1). Den Westen bringt in der 24. Minute der Aachener Salomon in Führung, nach einem Zuspiel von Fritz Szepan über Ernst Kuzorra. Sechs Minuten später gleicht Hans Wiedmayer per Elfmeter aus, danach hält der Westen nicht mehr mit. Als Hauptgrund der Niederlage nennt das Tagblatt das Versagen des Mittelläufers Gruber, der seit seiner Verletzung im Vorjahr nicht mehr in Form komme. Straßburger erwähnt der Bericht nicht. Die Wikipedia schreibt, er habe trotz der Niederlage überzeugt; das Tagblatt gibt dafür weder Beleg noch Gegenbeleg. Gruber hatte im Juni desselben Jahres sein einziges Länderspiel gemacht, gegen Schottland. Bei Straßburger dauert es fast ein Jahr.

Als es so weit ist, ist die Nationalelf alles andere als ein Wunschkonzert. Am 5. September 1930 schreibt das Tagblatt, Deutschland trete in Kopenhagen nicht mit seiner stärksten Mannschaft an. Am 6. September folgen die Einzelheiten: Torwart Willibald Kreß wird nicht freigegeben, im Tor steht Ludwig Wenz, und für den verletzten Brötzinger Verteidiger Theodor Burkhardt spielt der Frankfurter Hans Stubb.

Der große Tag: Kopenhagen, 7. September 1930

Es ist ein Sonntag mit Sturm. »Am Sonntag morgen lag das schöne, saubere Kopenhagen in einem schweren Regen«, schreibt das Tagblatt, dazu fege ein Wind vom Meer über die Stadt, »daß man an einen stürmischen Novembertag erinnert wurde«. Im Idrætspark sind nach dem DFB-Datencenter 21.000 Zuschauer, das Tagblatt zählt 18.000, und zehn Minuten vor Anpfiff erscheint der dänische König. Der Bundesspielausschuss, so das Tagblatt, hat ein Experiment gewagt: eine Mannschaft mit nur vier routinierten Spielern. Nach Schulze-Marmeling und der Wikipedia debütieren neben Straßburger auch Wenz, Willi Kund, Reinhold Münzenberg und Karl Hohmann. Straßburger stürmt auf Rechtsaußen.

Der Tag beginnt, wie er endet. In der ersten Minute köpft Eyolf Kleven das 0:1, in der 14. Minute erhöht Pauli Jørgensen auf 0:2. Das erste deutsche Tor geht nach dem Tagblatt über Straßburger: Ein Freistoß nimmt seinen Weg zu Richard Hofmann, und der schießt platziert ein, nach dem Tagblatt in der 30., nach dem DFB-Datencenter in der 25. Minute. Dann treffen noch Ernst Nilsson, Kund und, nach der Pause, Christophersen per Elfmeter, Jørgensen zweimal und Hohmann. Am Ende steht es 3:6. Die ganze Partie steht im Spielbericht.

Deutschland – Dänemark 3:6 · Straßburgers Debüt im Idrætspark, Kopenhagen
Deutschland – Dänemark 3:6 · Straßburgers Debüt im Idrætspark, Kopenhagen

Das Tagblatt ist unversöhnlich. Die deutsche Elf habe sich »nach berühmten Mustern wieder einmal in Überkombination« ergangen und ihren einstudierten Flachpass heruntergespielt, »ohne das System einmal zu ändern«; dazu habe es »Versager in der Elf« gegeben. Straßburger und Hohmann kommen dabei am schlechtesten weg. Der eigentliche Angriffsdirigent sei Hanne Sobek gewesen, der zwischen seinen Nebenleuten »ziemlich auf verlorenem Posten« gestanden habe.

Breslau, 2. November 1930

Zwei Monate später nominiert der DFB ihn wieder. Das Tagblatt meldet am 31. Oktober, durch dauernde Absagen lasse die nun feststehende Mannschaft manchen Wunsch offen. Im Tor steht der Regensburger Hans Jakob. Auf rechts nennt die Aufstellung des Tagblatts Ernst Albrecht, Straßburger spielt deshalb diesmal auf links, obwohl das Lexikon als seinen Stammposten die rechte Seite nennt.

In der Schlesierkampfbahn sehen 40.000 Zuschauer (Tagblatt: 45.000) bei Sonne und Wärme ein 1:1 gegen Norwegen. Die erste Halbzeit bleibt torlos, zur Pause kommt Walter Hanke für Hohmann und schießt in der 55. Minute das 1:0, Norwegens Alf Nilsen gleicht in der 72. Minute aus. Der Schiedsrichter, der Niederländer Hans Boekman, hat nach Ansicht des Tagblatts wenig zu tun, weil beide Teams »absolut fair« spielen.

Die Kritik am nächsten Tag lässt wenig übrig: »Zwei Mann in dieser Elf fielen vollkommen aus: Hohmann und Straßburger. Beide wird man wohl hoffentlich in einer Nationalelf nicht mehr wiedersehen.« Und über den Duisburger: »Straßburger kann als Linksaußen nicht einmal links schießen, er muß sich immer erst den Ball auf den rechten Fuß umlegen. Und das ist dann ein ›Internationaler‹.« (Tagblatt, 3. November 1930). Es ist eine Zeitungsstimme, und sie trifft einen Mann, den man auf einer Seite eingesetzt hatte, auf der er nach dem Lexikon nicht zu Hause war. Hohmann, der andere Gescholtene, kam später auf 26 Länderspiele und 20 Tore. Schulze-Marmeling fasst es für Kopenhagen so: Wenz, Straßburger und Kund hätten sich »nicht für weitere Aufgaben empfehlen« können.

Danach: wieder Westdeutschland, wieder Duisburg

Eine dritte Berufung folgt nicht. Die Wikipedia führt das auf die Konkurrenz auf Rechtsaußen zurück, auf Albrecht und Ernst Lehner. Für Westdeutschland läuft Straßburger am 9. Oktober 1932 in Gladbeck noch einmal auf, 2:3 gegen Südostdeutschland, auf Rechtsaußen, mit Fritz Szepan und Ernst Kuzorra als Mitspielern.

Danach bleibt der Spielverein seine Welt. Als 1933 die Gauliga Niederrhein eingeführt wird, ist der DSV nicht dabei; nach der Wikipedia spielen die Rotblusen in der Bezirksklasse, die jetzt zweitklassig ist. Straßburger bleibt bis 1940. Weitere Stationen nennen die Quellen nicht.

Straßburger oder Strassburger?

Das Lexikon von 1939 schreibt »Willy Straßburger«, das DFB-Datencenter und die Wikipedia »Wilhelm Straßburger«, die Datenbank Weltfussball »Willi«. Gemeint ist derselbe Mann. Einen zweiten Straßburger führt das Lexikon von 1939 nicht.

Wilhelm Straßburger auf einen Blick

Geboren: 12.7.1907 (Heimatort Duisburg laut Lexikon 1939)
Gestorben: 21.12.1991 (Ort nicht angegeben)
Verein: Duisburger SpV (1925–1940)
Position: Rechtsaußen, später Verteidiger
Beruf: Schlosser (laut Lexikon 1939)
Bilanz: 2 Länderspiele (1 Unentschieden, 1 Niederlage), kein Tor (1930)

Länderspiele

Quellen