Ludwig Wenz – ein Nürnberger Torwart in Kopenhagens Sturm

Eigentlich sollte Willibald Kreß im Tor stehen. Aber der Frankfurter werde nicht freigegeben, meldet das »Darmstädter Tagblatt« am 6. September 1930, und so fährt der DFB mit einem Nürnberger nach Kopenhagen: Ludwig Wenz, 24 Jahre alt, ASV Nürnberg. Am Sonntag stürmt und regnet es, in der ersten Minute liegt der Ball im Netz, am Ende steht es 3:6. Für Wenz bleibt es das einzige Länderspiel. Das Tagblatt ist fair zu ihm.

Ludwig Wenz' Laufbahn · Nürnberger Vereine, Länderspiel 1930, zehn Jahre SpVgg Fürth
Ludwig Wenz' Laufbahn · Nürnberger Vereine, Länderspiel 1930, zehn Jahre SpVgg Fürth

»Wenz ist kein Klassentormann, aber er hielt, was zu halten war, und von den sechs Treffern waren mindestens fünf unhaltbar.«

— Darmstädter Tagblatt, 8. September 1930

Ein Nürnberger zwischen den Pfosten

Ludwig Wenz wird 1906 in Nürnberg geboren, am 24. August nach DFB-Datencenter, Lexikon und englischer Wikipedia, am 27. August nach der deutschen Wikipedia und der Kleeblatt-Chronik der SpVgg Fürth. Das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 führt Nürnberg als Heimatort und nennt als Beruf »stud. med.«, Medizinstudent also; ob und wie lange er studierte, sagen die anderen Quellen nicht.

Mit elf fängt er nach der Wikipedia bei den Sportfreunden Nürnberg an, 1920 geht er zum Nürnberger FV, 1925 verpflichtet ihn der ASV Nürnberg. Dort hütet er das Tor in der Bezirksliga Bayern, ab 1927/28 in der Gruppe Nordbayern. Zum großen Nachbarn 1. FC Nürnberg wechselt er nicht, anders als viele gute Nürnberger, so die Wikipedia. Dessen Torwart Heiner Stuhlfauth steht in der Nationalelf, bis er am 2. März 1930 gegen Italien zum letzten Mal aufläuft. Danach hütet meist Kreß das deutsche Tor, im Mai 1930 beim 5:0 in Zürich und beim 3:3 gegen England.

Der große Tag: Kopenhagen, 7. September 1930

Am Sonntag nach seinem 24. Geburtstag steht Wenz im Idrætspark. Das Tagblatt schimpft nach dem Spiel: Der DFB habe in vier Länderspielen gegen Dänemark drei Niederlagen kassiert, und nun probiere er trotzdem wieder ein Experiment, mit nur vier erfahrenen Internationalen. Nach Schulze-Marmeling debütieren Wenz, Wilhelm Straßburger und Willi Kund, dazu Reinhold Münzenberg und Karl Hohmann. Auf dem Platz regnet es, ein Sturm fegt über das Stadion, der Rasen ist glatt. 18.000 Zuschauer zählt das Tagblatt, 21.000 der DFB, unter ihnen der dänische König. Die Kleeblatt-Chronik erzählt, Kapitän Richard Hofmann habe Christian X. mit »Guden Tach, Herr Geenich« begrüßt, im Sächsisch des Dresdners.

Dann geht es schnell. In der ersten Minute köpft Eyolf Kleven eine Vorlage von Ernst Nilsson ein, in der 14. Minute köpft Pauli Jørgensen nach einer Flanke von Henry Hansen das 0:2. Hofmann verkürzt, Nilsson stellt den Abstand wieder her, Kund trifft kurz vor der Pause zum 2:3 (nach DFB: 25., 29. und 37. Minute, das Tagblatt nennt die 30. und die 31.).

Dänemark – Deutschland 6:3 in Kopenhagen · Kleven trifft in der 1. Minute, Jørgensen dreimal
Dänemark – Deutschland 6:3 in Kopenhagen · Kleven trifft in der 1. Minute, Jørgensen dreimal

Nach der Pause startet Deutschland besser. Wenz wehrt einen Schuss von Kai Uldall knapp zur Ecke ab. Dann läuft er bei einem Durchbruch Jørgensens aus dem Tor, beide stürzen, kurz darauf gibt es Elfmeter wegen Handspiels, den Knud Christophersen verwandelt (56.). Eine Minute später trifft Jørgensen noch einmal, 2:5. Hohmann gelingt in der 68. Minute das 3:5, in der 90. macht Jørgensen sein drittes Tor, 3:6.

Das Tagblatt sucht die Schuld vor allem weiter vorn: zu viel Kombination, zu viel Flachpass, kein Abweichen vom Schema. Brunke und Stubb seien nicht schlecht gewesen, die Läuferreihe aber ein Unglück, der Sturm uneinheitlich. Dann folgt der Satz über Wenz, der oben steht. Der Sieg der Dänen sei verdient, schreibt die Zeitung, aber sie seien in den letzten Jahren stark zurückgegangen, umso blamabler sei die Niederlage. Den ganzen Spielverlauf erzählt der Spielbericht.

Danach: zehn Jahre Fürth

Weitere Länderspiele folgen nicht. Kreß hütet im folgenden Spiel am 28. September wieder das Tor, am 2. November Hans Jakob. Schulze-Marmeling urteilt, die Debütanten Wenz, Straßburger und Kund hätten sich nicht für weitere Aufgaben empfehlen können.

Wenz verlässt den ASV im September 1930 und kommt im April 1931 zur SpVgg Fürth, bleibt dort bis Dezember 1940 und bestreitet nach der Wikipedia und der Kleeblatt-Chronik 145 Punktspiele. 1935 wird Fürth Meister der Gauliga Bayern. In der Endrundengruppe D um die Deutsche Meisterschaft steht Wenz nach dem DFB-Datencenter in allen sechs Spielen im Tor, zwei Siegen gegen Jena und einem 5:1 gegen Hanau stehen Niederlagen gegen Hanau und zweimal gegen den VfB Stuttgart gegenüber. Das letzte Gruppenspiel am 26. Mai 1935 in Stuttgart ist nach den Ergebnissen ein Endspiel um den Gruppensieg, beide Mannschaften haben vorher sechs Punkte. Fürth führt nach dem DFB-Datencenter zwischenzeitlich 2:1, Stuttgart gewinnt 3:2, mit zwei Toren von Willi Rutz und einem von Alfred Lehmann in der 86. Minute.

Auffällig: Die Kleeblatt-Chronik führt Wenz in der Gauliga 1934/35 nur mit einem Spiel, in der Endrunde dagegen mit allen sechs. Warum, geht aus den Quellen nicht hervor.

Nach der Wikipedia, die sich auf das Bundesarchiv und einen Artikel von Armin Jäger in der »Zeit« vom 24. Juli 2024 stützt, schloss sich Wenz am 1. November 1933 der SA an, wo er Rottenführer war, und trat zum 1. Mai 1937 in die NSDAP ein. Spätestens seit November 1942 war er SS-Bewerber, im August 1944 noch kein Mitglied. Seine Aufnahme gilt dort als zweifelhaft. Ludwig Wenz stirbt am 18. April 1968, den Ort nennen die Quellen nicht.

Ludwig Wenz auf einen Blick

Geboren: 24.8.1906 (DFB, Lexikon) bzw. 27.8.1906 (deutsche Wikipedia, Kleeblatt-Chronik) in Nürnberg
Gestorben: 18.4.1968 (Ort nicht genannt)
Vereine: Sportfreunde Nürnberg (1917–1920), Nürnberger FV (1920–1925), ASV Nürnberg (1925–1930), SpVgg Fürth (1931–1940)
Position: Torwart
Beruf: stud. med. (Lexikon 1939)
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Niederlage), 6 Gegentore (1930)
Erfolge: Meister der Gauliga Bayern 1935 mit der SpVgg Fürth, Endrunde um die Deutsche Meisterschaft 1935 (alle sechs Gruppenspiele)

Länderspiele

Quellen