Walter Hanke – der Breslauer, der ein Tor schoss und ging

Breslau, 2. November 1930, Schlesierkampfbahn, 40.000 Zuschauer. Die Nationalelf spielt gegen Norwegen und ist zur Pause nicht weiter als beim 0:0. Dann kommt ein Stürmer vom Breslauer FV 06 aufs Feld, ein Heimspieler im wörtlichen Sinn. In der 55. Minute lauert er vor dem Tor, der Ball kommt, aus zwölf Metern schiebt er ihn platziert ein. Walter Hanke ist 20, hat ein Länderspiel und ein Länderspieltor.

Es bleibt dabei: Ein zweites Länderspiel folgt nicht. Dafür beginnt für ihn ein Fußballerleben, wie es in Deutschland damals kaum einer führte: Wien, Böhmen, Lothringen, die Bretagne.

Walter Hankes Laufbahn · vom Breslauer FV 06 zu vier Profistationen im Ausland, 1930–1947
Walter Hankes Laufbahn · vom Breslauer FV 06 zu vier Profistationen im Ausland, 1930–1947

»Sein Ersatzmann Hanke gefiel weitaus besser.«

— Darmstädter Tagblatt, 3. November 1930, über den Wechsel zur Pause

Ein Modelltischler aus Breslau

Walter Hanke wird am 18. März 1910 in Breslau geboren. Das sagen die deutsche Wikipedia und das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 übereinstimmend. Das Lexikon nennt als früheren Beruf Modelltischler und als Stammposten Halblinks. Er spielt für den Breslauer FV 06, einen der bekannteren Vereine der Stadt, blau-weiß gekleidet.

Hanke ist Angreifer in dem, was die Wikipedia das damalige »Offensive System« nennt. In der Saison 1930/31 kommt der BFV 06 in die südostdeutsche Endrunde und wird dort nach der Wikipedia Zweiter, nach einem Entscheidungsspiel gegen den Lokalrivalen Breslauer SC 08, das 6:3 endet. Am 11. Januar 1931 spielt Hanke außerdem im Bundespokal für die Auswahl von Südost gegen Mitteldeutschland, an der Seite von Fritz Langner vom VfB Breslau.

Der große Tag: Breslau, 2. November 1930

Fünf Wochen nach dem 5:3 in Dresden gegen Ungarn empfängt die Nationalelf Norwegen. Es ist ein Debüttag. Im Tor steht Hans Jakob, in der Läuferreihe debütieren Josef Wendl und Erich Kauer. Im Sturm führt Karl Hohmann die Mitte, und die erste Halbzeit endet ohne Tor. Nach dem »Darmstädter Tagblatt« leidet der Angriff unter schlechter Führung. Hohmann geht, und Hanke kommt. Das DFB-Datencenter nennt die 46. Minute, also die Pause, das Tagblatt kurz davor; die Wikipedia schreibt von einem verletzten Hohmann, das Tagblatt dagegen urteilt, der Mann sei körperlich zu schwach gewesen und habe zu wenig Übersicht gehabt.

Mit Hanke, schreibt das Blatt, kommt Schwung in den Angriff. Der zweite Durchgang gehört den Deutschen. In der 55. Minute leiten Richard Hofmann und Wendl einen Angriff ein, der Ball kommt zu Hanke, der steht frei vor dem Tor und schiebt ein: 1:0. Das Publikum, so das Tagblatt sinngemäß, kommt in dieser Phase auf, besonders wenn der Breslauer gefährlich vorstößt.

Deutschland – Norwegen 1:1 in Breslau · Hankes Tor in der 55. Minute, der Ausgleich in der 72.
Deutschland – Norwegen 1:1 in Breslau · Hankes Tor in der 55. Minute, der Ausgleich in der 72.

Das Eckenverhältnis wächst auf 8:2, am Ende steht es 9:4 für Deutschland. Ludwig Lachner schießt knapp vorbei. Dann, in der 72. Minute, fängt Jakob einen Ball, wird nach dem Tagblatt von drei Gegenspielern bedrängt und lässt ihn fallen, Alf Nilsen schiebt zum 1:1 ein. Der deutsche Sturm wird nervös, es bleibt beim Unentschieden.

Die Kritik fällt hart aus, aber nicht für Hanke. Das Tagblatt schreibt, Hohmann und der Linksaußen Straßburger seien »vollkommen« ausgefallen, man werde sie »hoffentlich in einer Nationalelf nicht mehr wiedersehen«. Über den Mann, der für Hohmann kam, schreibt die Zeitung, er habe »weitaus besser« gefallen. Hanke bleibt einer von denen, die ein einziges Mal spielen und treffen. Das Lexikon von 1939 führt unter seinem Namen: »1 Länderspiel: 1930 Norwegen. 1 Tor: 1930 Norwegen 1:1.«

Wien: Mitropa-Cup mit dem WAC

Im Juli 1931 wechselt Hanke zum Wiener AC. Die englische Wikipedia schreibt, er habe Deutschland mit diesem Schritt verlassen und sei Profi geworden. Das Lexikon von 1939 führt den WAC unter seinen Vereinen.

Der WAC spielt 1931 im Mitropa-Cup, dem wichtigsten europäischen Vereinswettbewerb dieser Jahre. Das Finale ist ein rein Wiener Duell gegen die First Vienna. Das Hinspiel am 8. November 1931 in Zürich verliert der WAC 2:3, und Hanke gleicht in der 22. Minute zum 1:1 aus. Das Rückspiel am 12. November in Wien geht 1:2 verloren, den Treffer des WAC erzielt Hanke in der 65. Minute. Nach der Torschützenliste des Wettbewerbs kommt er auf fünf Tore, hinter seinem Mannschaftskollegen Heinrich Hiltl mit sieben. Die Wikipedia merkt an, dass die IFFHS den Torschützen und Finalisten als »Josef Hanke« führt. Das ist die Verwechslung, auf die weiter unten noch einmal die Rede kommt.

Lange bleibt er nicht. Nach der englischen Wikipedia bittet er schon wenige Wochen später um seinen Wechsel; sie beruft sich auf das »Prager Tageblatt« vom 23. Dezember 1931.

Saaz, Metz, Rennes

Ab Januar 1932 spielt Hanke beim DSV Saaz, einem deutschen Verein in der Tschechoslowakei. Saaz gehört zum Deutschen Fußball-Verband für Böhmen. Nach der Wikipedia erzielt er in den ersten zehn Monaten laut Zeitungsberichten bereits 102 Tore, sie beruft sich dafür auf das »Stuttgarter Neue Tagblatt« vom 29. Oktober 1932. Mit dem DSV wird er zweimal deutschböhmischer Meister; die Vereinsgeschichte nennt die Titel 1934 und 1935. In der Saison 1934/35 ist er kurz an den SK Prostějov verliehen.

1935 geht er nach Frankreich. Das »Wiener Sporttagblatt« vom 10. August 1935 nennt 40.000 Franken Ablöse; die Wikipedia gibt das nur als Gerücht weiter. Beim FC Metz, der 1935 in die erste Division aufgestiegen ist, spielt er zwei Saisons. 1935/36 wird Metz Elfter, Hanke macht 27 Punktspiele und erzielt sieben Tore, 1936/37 belegt der Verein den siebten Platz, und seine Bilanz ist nach der Wikipedia exakt dieselbe. An seiner Seite steht dort der österreichische Nationalspieler Matthias Kaburek. Die englische Wikipedia kommt in der Summe auf 49 Spiele und 15 Tore für Metz, das passt nicht ganz zu 2 mal 27 und 2 mal 7. Danach geht er nach Rennes, zu Stade Rennais, wo er nach der englischen Wikipedia 52 Spiele und 15 Tore macht.

Das Lexikon von 1939 beschreibt seinen Stand schon im Wortlaut der Zeit: »jetzt Berufsfußballer — bisher Metz, jetzt Rennes«.

Späte Jahre

1939 endet seine Profizeit in Frankreich. Aufgehört hat er damit nicht. Nach der Fachpresse, dem »Kicker« vom 21. November 1939, spielt er spätestens von November 1939 an wieder in Saaz, und im »Kicker« vom 18. August 1942 steht er immer noch oder wieder dort, als »Nationalspieler Hanke«. Kurz darauf debütiert er mit drei Toren in einem Freundschaftsspiel für Hamborn 07, und in der Gauliga Niederrhein trägt er dessen Trikot noch bis mindestens März 1943.

In der Saison 1946/47 trainiert er den ESV Ingolstadt. Walter Hanke stirbt am 2. September 1980 in Ingolstadt (nach der deutschen Wikipedia); die englische nennt keinen Sterbeort. Sein Schwiegersohn bestätigte der Wikipedia 2015, dass er in der Familie nur »Walter« hieß.

Walter, Richard oder Josef?

Dieser Hanke hat in den Quellen mehrere Vornamen. In den Daten dieser Website steht er einmal als »Walter Hanke«, einmal als »Walter Franz Otto Hanke«, beides derselbe Mann und dasselbe Spiel. In älteren Verzeichnissen und im »Kicker« von 1943 taucht er als »Richard Hanke« auf, die Wikipedia nennt den Grund unbekannt. Sie belegt »Walter« mit einer Autogrammkarte, die er selbst so unterschrieben hat, und mit dem Zeugnis des Schwiegersohns. Dazu kommt ein Namensvetter: der Wiener Fußballer Josef Hanke von der First Vienna, der in den Dreißigern ebenfalls in Frankreich spielte und 1938 aus Roubaix nach Wien zurückkehrte. Beide werden in Nachschlagewerken gelegentlich vermischt. Mit dem Breslauer, der auf dieser Seite beschrieben ist, hat Josef Hanke nichts zu tun.

Walter Hanke auf einen Blick

Geboren: 18.3.1910 in Breslau
Gestorben: 2.9.1980 in Ingolstadt (nach der deutschen Wikipedia)
Vereine: Breslauer FV 06 (bis 1931), Wiener AC (1931), DSV Saaz (1932–1935), SK Prostějov (1934/35, leihweise), FC Metz (1935–1937), Stade Rennes (1937–1939), Saaz (ab 1939), Hamborn 07 (1942/43)
Position: Halblinker Stürmer
Beruf: Modelltischler (laut Lexikon 1939), später Fußballprofi und Trainer
Bilanz: 1 Länderspiel (1 Unentschieden), 1 Tor (1930)
Erfolge: Mitropa-Cup-Finalist 1931 (Wiener AC), zweimal deutschböhmischer Meister (DSV Saaz)
Als Trainer: ESV Ingolstadt (1946/47)

Länderspiele

Quellen