Richard »Hattek« Malik – der Lokführer, der in Budapest traf

Budapest, 30. Oktober 1932. Richard Malik, 22 Jahre alt, steht zum ersten Mal in der deutschen Nationalelf. Die Ungarn führen seit der 11. Minute, die Deutschen rennen an und treffen einfach nicht. In der 71. Minute legt Ludwig Lachner auf, und der Neuling aus Beuthen schießt ein. 1:1, erstes Länderspiel, erstes Länderspieltor. Neun Minuten später treffen die Ungarn zum 2:1. Maliks Tor blieb sein einziges. Länderspiele hatte er zwei.

Richard Maliks Laufbahn · von Beuthen 09 in die Nationalelf und an die Ostfront, 1918–1945
Richard Maliks Laufbahn · von Beuthen 09 in die Nationalelf und an die Ostfront, 1918–1945

»Im Sturm hat Malik sich ausgezeichnet geschlagen, er zeigte eine gute Ballbehandlung, stand stets richtig und war nächst Kobierski unsere beste Waffe im Angriff.«

— Darmstädter Tagblatt, 2. Januar 1933, über Deutschland – Italien 1:3

Ein Beuthener von klein auf

Richard Malik kommt am 19. Dezember 1909 in Beuthen in Oberschlesien zur Welt, das Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 nennt Beuthen als Heimatort. Seinen Rufnamen gibt die Wikipedia als »Hattek« an. Nach der Wikipedia schließt er sich dem Beuthener SuSV 09 an, bevor er neun Jahre alt ist, das DFB-Datencenter führt ihn ab 1. Juli 1918 bei Beuthen 09. Das Lexikon dagegen schreibt, er sei seit fünfzehn Jahren bei Beuthen 09. Er durchläuft die Jugend und rückt in die erste Mannschaft. Beruflich ist er Lokführer, das Lexikon schreibt »Loko-Führer«, die Wikipedia verweist auf die Zink- und Bleigruben seiner Heimatstadt.

In der ersten Mannschaft spielt er ab 1929 zusammen mit seinem Bruder Paul, so die Wikipedia; in der Liste der Mannschaft, die 1930 die südostdeutsche Meisterschaft gewinnt, stehen beide. Die Wikipedia beschreibt ihn als technisch versierten, sehr beweglichen Fußballer. Das Lexikon von 1939 führt ihn als Halblinks, »mitunter jetzt Mittelläufer«. Die Endrundenbögen im Libero-Heft bestätigen beides: Richard heißt dort »Malik II«, Paul »Malik I«, und Richard steht mal im Angriff, mal in der Läuferreihe.

Beuthen 09 ist in diesen Jahren eine Größe im Südosten. Der Verein gewinnt 1930, 1931, 1932 und 1933 die südostdeutsche Meisterschaft und spielt von 1930 bis 1934 jedes Jahr in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft, dazu 1937. Die Wikipedia kommt für Malik auf sechs Endrunden mit 15 Spielen und fünf Toren, das DFB-Datencenter führt dieselben Zahlen. Weit kommt der Verein dabei selten.

1930, Berlin. Am 18. Mai verliert Beuthen im Achtelfinale im Berliner Poststadion 2:3 gegen Hertha BSC, vor 16.000 Zuschauern. Hertha, der Berliner Meister, hatte in 18 Ligaspielen 103 Tore geschossen. Kirsei trifft nach einer Minute, in der 5. Minute gleicht »Malik I« aus. Das ist im Libero-Heft die Bezeichnung für Paul, nicht für Richard (»Malik II«). Das Tor gehört also dem Bruder. Nach 6 Minuten steht es 2:1 für Hertha, in der 28. Minute gleicht Georg Pruschowski aus, in der 64. entscheidet Bruno Lehmann. Das Darmstädter Tagblatt vom 19. Mai sieht es etwas anders: Hertha führt nach seiner Zählung erst in der 5. Minute durch Kirsey, Beuthen gleicht bald aus, Hahn bringt Berlin wieder in Front, und in der 29. Minute fällt der zweite Ausgleich nach einem Strafstoß, Halbzeitstand 2:2. Beuthen habe mit dem größeren Elan gespielt, der Berliner Meister enttäuschte, so das Blatt. Nach dem Libero-Heft tat sich der Favorit sehr schwer, und der Torwart Johann Kurpannek hatte großen Anteil an der ehrenvollen Niederlage.

1931, Beuthen. Am 10. Mai verliert Beuthen im Achtelfinale zu Hause 0:2 gegen den Hamburger SV, vor 13.000 Zuschauern (das Darmstädter Tagblatt vom 11. Mai spricht von 20.000). Die Tore fallen in der 49. und 69. Minute, beide für Hamburg; das Tagblatt nennt den HSV den technisch reiferen, taktisch geschulteren Gegner und seinen Sieg verdient. Malik spielt in dieser Partie, nach der Aufstellung bei Libero, als Mittelläufer. Als Ort nennt das Heft das Hindenburg-Stadion, die Wikipedia den Sportplatz Heinitzgrube.

1932, Chemnitz. Am 8. Mai geht es im Achtelfinale 1:5 beim PSV Chemnitz aus, im Chemnitzer Stadion an der Clausstraße (bei Libero: Preußen-Platz), vor 12.000. Erwin Helmchen schießt vier Tore. Paul Malik fliegt in der 80. Minute vom Platz, Rechtsaußen Hubert Pogoda scheidet zur Halbzeit mit einer Armverletzung aus. Richard steht nach der Reihenfolge der Aufstellung als Halblinker im Angriff. Das Darmstädter Tagblatt vom 9. Mai nennt die Schlesier körperlich überlegen und technisch annehmbar, aber ungewöhnlich hart; Schiedsrichter Holtz aus Berlin habe zwei Beuthener vom Platz gestellt, nach der Pause hätten nur noch neun gespielt. Libero kennt nur den einen Platzverweis. Auch beim Torschützen der Schlesier gehen die Angaben auseinander: Das Heft nennt Peter Scheliga (56.), das Tagblatt »den Mittelläufer« zehn Minuten nach der Pause.

1933, Beuthen. Am 7. Mai gewinnt Beuthen im Achtelfinale 7:1 gegen Prussia-Samland Königsberg, vor 10.000 Zuschauern im Hindenburg-Stadion. Malik trifft in der 2. und in der 41. Minute, sein Bruder Paul schießt ein Eigentor (34.) und verwandelt einen Elfmeter (43.). In dieser Partie bricht er sich das Schienbein (siehe unten). Zwei Wochen später, am 21. Mai, verliert Beuthen im Viertelfinale im Nürnberger Stadion 0:3 gegen den TSV 1860 München, ohne Richard Malik. Torwart der Münchner ist Georg Ertl, der Stürmer Ludwig Lachner.

1934. Von 1933 an spielt der Verein in der neu gebildeten Gauliga Schlesien und wird 1934 und 1937 Gaumeister. In der Endrunde 1934 wird Beuthen in seiner Gruppe Zweiter hinter Viktoria Berlin, mit drei Siegen, einem Remis und zwei Niederlagen bei 12:13 Toren. 1937 wird der Verein Vierter.

Beuthen gibt Malik ab

Im Herbst 1932 führt Beuthen 09 die oberschlesische Liga an. Das Darmstädter Tagblatt berichtet am 31. Oktober, dass der Verein am Sonntag auswärts auch ohne den »für die Länderelf abgegebenen« Malik mit 1:0 gewonnen habe und mit 16:2 Punkten vor Vorwärts-Rasensport Gleiwitz mit 15:3 führe. Malik steht an diesem Tag in Budapest.

Reichstrainer Otto Nerz hatte für das zehnte Länderspiel gegen Ungarn zwei Debütanten aufgestellt: Paul Janes im Mittelfeld, den Beuthener im Angriff. Ganz glatt lief die Nominierung nicht. Die erste Aufstellung, die das Tagblatt am 24. Oktober meldet, führt den Mittelstürmer noch als »Malik (Breslau 08)«, ein Vereinsfehler der Meldung. Am 27. Oktober, drei Tage vor dem Spiel, schreibt die Zeitung, es habe mit der Mannschaftsaufstellung »nicht alles geklappt«; die Elf sei nicht die beste, die Deutschland stellen könne, aber doch »einigermaßen schlagkräftig«. Jetzt steht »Malik-Beuthen« zwischen Lachner und Hofmann. In der Aufstellung des Tagblatts steht Malik, bei dem die Zeitung den Namen »Mahlik« schreibt, zwischen Ludwig Lachner und Richard Hofmann, also im Innensturm.

Der große Tag: Budapest, 30. Oktober 1932

15.000 Zuschauer nach dem DFB-Datencenter, 20.000 nach dem Tagblatt, sehen das Spiel auf dem Hungária-Platz des MTK; unter ihnen ist nach der Berichtsseite der ungarische Ministerpräsident Gömbös. Schiedsrichter ist der Italiener Albino Carraro. In der 11. Minute (Tagblatt: 12.) geht Ungarn durch Károly Déri in Führung. Vor der Pause fordern die Deutschen einen Elfmeter, als der Verteidiger einen Schuss Hofmanns mit dem Arm abwehrt, bekommen ihn aber nicht. Mit 0:1 geht es in die Pause.

Nach dem Wechsel sind die Deutschen nach dem Tagblatt die bessere Mannschaft, haben aber Pech oder scheitern an Torwart József Háda. Lachner vergibt allein in dieser Halbzeit zahlreiche Chancen. In der 71. Minute nach dem DFB-Datencenter, in der 33. Minute der zweiten Halbzeit nach dem Tagblatt, also rund in der 78., fällt der Ausgleich: Malik trifft auf Lachners Vorlage. Neun Minuten später (Tagblatt: zwei) schießt József Turay den Siegtreffer für die Ungarn.

Deutschland – Ungarn 1:2 in Budapest · Maliks Debüttor zum 1:1 in der 71. Minute
Deutschland – Ungarn 1:2 in Budapest · Maliks Debüttor zum 1:1 in der 71. Minute

Das Tagblatt findet nach dem Spiel, die deutsche Mannschaft habe sich besser geschlagen, als man glaubte, und sei den Ungarn ebenbürtig gewesen. »Die einzige wirkliche Schwäche war das schlechte Schußvermögen unserer Innenstürmer.« Die besten Kräfte des Angriffs standen demnach auf dem linken Flügel, vor allem Kobierski. Hofmann, der Pech mit seinen Schüssen hatte, gefiel dem Blatt erst, als er in der letzten Viertelstunde die Sturmführung übernahm und dem Beuthener seinen Platz überließ. Zu Malik schreibt es, er habe sich als »ganz brauchbarer Spieler« erwiesen, dem aber noch die Routine fehle. Nach dem Schlusspfiff erklären Nerz, der ungarische Verbandsführer und der Schiedsrichter, die Niederlage sei eigentlich unverdient.

Bologna und die blutige Stirn

Das zweite Länderspiel folgt am Neujahrstag 1933 in Bologna, im Stadion Littoriale. Deutschland verliert 1:3 gegen Italien, vor 30.000 Zuschauern nach dem DFB-Datencenter, vor »über 50.000« nach dem Tagblatt. Für das Blatt war es nach fünf Spielen die vierte Niederlage gegen Italien. Der belgische Schiedsrichter Baert pfeift mit zehn Minuten Verspätung an. Zuerst sieht es gut aus: Oskar Rohr trifft in der 4. Minute (Tagblatt: 3.) nach Kobierskis Flanke. Dann drehen Meazza (24.) und Costantino (27.) das Spiel, nach dem Wechsel fällt das 1:3 (58.).

Dann prallt Malik mit Italiens Mittelläufer Luis Monti zusammen. Beide bluten stark am Kopf. Nach dem Tagblatt klebt Nerz dem Beuthener ein Pflaster auf, Malik spielt weiter, Monti muss ausscheiden. Gegen Ende der Partie umspielt Josef Bergmaier drei Italiener und passt dann auf Malik, der unter Bedrängnis von drei Gegnern ins Aus schießt.

Das Tagblatt urteilt am 2. Januar: Im Sturm habe sich Malik ausgezeichnet geschlagen, er sei nächst Kobierski die beste Waffe im Angriff gewesen. Die Bayern-Stürmer hätten dagegen enttäuscht. Auch Gusti Wieser, der österreichische Rekordnationalspieler, nennt dem Sonderberichterstatter Malik, Haringer und Buchloh als die besten Deutschen. Die Zeitung lobt außerdem die Torleute Jakob und Buchloh, der in der zweiten Halbzeit für den verletzten Jakob ins Tor kommt. Reichstrainer Nerz sagt nach dem Spiel, man werde ihm wieder vorwerfen, die Mannschaft schlecht aufgestellt zu haben. Ausschlaggebend sei die Vorbereitung: Die Italiener hätten viel bessere Möglichkeiten gehabt als sein Team. Länderspiele bestreitet Malik danach nicht mehr.

Beinbruch und Weltmeisterschaft

Im Jahr 1933, schreibt die Wikipedia, steht Malik auf der Höhe seiner Kunst. Ein Beinbruch verhindert dann seine Teilnahme an der Weltmeisterschaft 1934 in Italien. Wann er sich ereignete, nennt die Wikipedia nicht. Das Darmstädter Tagblatt vom 8. Mai 1933 beantwortet es.

Es ist das 7:1 gegen Prussia-Samland Königsberg am 7. Mai im Beuthener Hindenburg-Stadion. Beim Stand von 1:1 kommt eine Flanke, und »der Internationale Mahlik II« und der Königsberger Verteidiger Milz schlagen gleichzeitig zu. Der Beuthener trifft den Ball einen Sekundenbruchteil früher und lenkt ihn zum 2:1 ein. Im selben Moment trifft Milz so unglücklich, dass Malik mit einem Schienbeinbruch vom Platz getragen werden muss. Das Libero-Heft passt dazu: Malik trifft in der 41. Minute, ein Spieler scheidet in der 43. mit Schienbeinbruch aus. Das Tagblatt schildert die Szene als Unglücksfall, aber das Publikum nahm es anders. Die Zuschauer richteten ihre Empörung so lärmend gegen die Ostpreußen, schreibt die Zeitung, dass diese danach nur noch zaghaft weiterspielten. Beuthen hätte auch ohne den Vorfall gewonnen, es war die klar bessere Mannschaft.

Damit war die Saison für Malik zu Ende. Zwei Wochen später fehlt er beim 0:3 in Nürnberg gegen 1860 München, Heinrich Koeptz steht auf seinem Platz im Sturm. Offen bleibt eine Unstimmigkeit: Das DFB-Datencenter führt Malik in der Endrunde 1933/34 mit fünf Spielen, die erst im April und Mai 1934 gespielt wurden. Ob er in dieser Endrunde noch einmal auflief und die WM-Teilnahme am Ende an etwas anderem scheiterte, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht klären. Die WM selbst fand im Mai und Juni 1934 statt. Länderspiele hat Malik nach Bologna nicht mehr bestritten.

Cousin in Polen, Krieg im Osten

Über Richard Maliks Familie berichten die Quellen zwei Dinge. Sein Bruder Paul spielt mit ihm bei Beuthen 09, und sein Cousin Leonard Malik spielt für polnische Vereine und einmal für die polnische Nationalmannschaft. Das schreiben die deutsche, die englische und die polnische Wikipedia. Nach der polnischen Wikipedia kommt Leonard Malik, am 25. Oktober 1908 in Kattowitz geboren und von Ausbildung Kraftfahrer und Mechaniker, am 26. Oktober 1930 beim 6:0 gegen Lettland in Warschau zu seinem einzigen Länderspiel, schießt ein Tor und legt zwei vor. Er spricht fließend Polnisch und Deutsch, spielt für Pogoń Kattowitz und von 1929 an für Polonia Warschau. 1930 schießt er 21 Ligatore für die Polonia, nach der polnischen Wikipedia die beste Torausbeute eines Spielers in einer Saison in der Vereinsgeschichte. 1931 verletzt er sich am Knie und findet nach den polnischen Angaben nicht mehr zur alten Form zurück. Von 1934 bis 1938 trainiert er als Spielertrainer Proch Pionki; er stirbt am 10. Oktober 1945 in Myslowitz. Im Oktober 1930 und im Oktober 1932 schossen also zwei Maliks ein Länderspieltor, der eine für Polen, der andere für Deutschland.

Bis 1940 spielt Richard Malik für Beuthen 09. Dann wird er zur Wehrmacht eingezogen. Den Krieg überlebt er nicht: Nach der Wikipedia fällt er am 20. Januar 1945 an der Ostfront. Einen Ort nennt sie nicht. Beuthen heißt heute Bytom und gehört zu Polen.

Richard und Richard

In der Elf von Budapest standen mit Richard Malik und Richard Hofmann zwei Richards im Angriff. Der Dresdner Hofmann bestritt 25 Länderspiele und schoss 24 Tore, Malik hat zwei Länderspiele und ein Tor. Wer in einer alten Aufstellung nur »Richard« liest, muss nach dem Verein schauen: Hofmann spielte für Dresden, Malik für Beuthen.

Richard Malik auf einen Blick

Geboren: 19.12.1909 in Beuthen, Oberschlesien (heute Bytom)
Gestorben: 20.1.1945 an der Ostfront (Ort nicht genannt)
Verein: Beuthener SuSV 09 (Jugend ab 1918 laut DFB, Wikipedia: mit nicht einmal neun Jahren; erste Mannschaft bis 1940)
Position: Halblinker Stürmer, nach dem Lexikon 1939 mitunter auch Mittelläufer
Beruf: Lokführer (laut Lexikon 1939)
Bilanz: 2 Länderspiele (beide verloren), 1 Tor (1932–1933)
Erfolge: Südostdeutscher Meister 1930 bis 1933, Gaumeister Schlesien 1934 und 1937, sechs Endrunden um die deutsche Meisterschaft (15 Spiele, 5 Tore)

Länderspiele

Quellen