Walter Fischer – der Linksaußen der Rotblusen

Walter Fischer war ein Mann für die linke Seitenlinie. Fast anderthalb Jahrzehnte lief er für den Duisburger Spielverein auf Linksaußen, die »Rotblusen« vom Grunewald. In der Mitte stürmte sein Bruder Heinrich, genannt »Hennes«, und der schoss die großen Tore. Walter machte auf dem Flügel Druck. Fünfmal spielte er für Deutschland, das erste Mal beim 6:2 gegen die Schweiz 1911, das letzte Mal beim 4:4 in Amsterdam, wenige Monate vor dem Krieg. Sein größtes Jahr aber war 1913: erst das verregnete Endspiel von München, dann der große Tag im neuen Stadion von Berlin.

»Die Westdeutschen mit ihrer Flügelzange ›Seb‹ Quatram und Walter Fischer entwickelten einen enormen Druck.«

— Libero 36 (IFFHS) über das Halbfinale 1913 gegen Holstein Kiel

Die Fischer-Brüder vom Grunewald

Walter Fischer kommt am 21. Februar 1889 in Duisburg zur Welt. Um 1902 besucht er, wie sein Bruder Heinrich, das humanistische Gymnasium der Stadt. Nebenbei spielen die beiden Fußball am Grunewald, wo im Jahr 1900 der Duisburger Spielverein entstanden ist. Heinrich ist laut den Statistikern des IFFHS der Ältere. Er rückt früher in die erste Mannschaft auf, Walter folgt einige Jahre später. In den Aufstellungen heißen sie fortan »Fischer I« und »Fischer II«.

Der DSV ist in diesen Jahren die erste Adresse im Westen. 1908 wird er westdeutscher Meister, und Walter Fischer steht als Linksaußen in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft. Am 3. Mai 1908 gewinnt Duisburg in Hamburg 1:0 gegen Eintracht Braunschweig. Im Tor steht der Vereinsvorsitzende Gottfried Hinze, später Präsident des DFB, und hält einen Elfmeter. Im Halbfinale ist gegen die Stuttgarter Kickers mit 1:5 Schluss. Der Libero notiert schon damals: In der Stürmerreihe spielten »die Fischer-Brüder eine wichtige Rolle«.

Im November 1908 läuft Fischer zum ersten Mal für die westdeutsche Auswahl im Kronprinzenpokal auf. Elf Einsätze in diesem Wettbewerb und im späteren Bundespokal werden es laut Wikipedia bis 1920.

Ein Kaufmann im Süd-Team

Im Sommer 1910 holt sich der DSV etwas, das es im deutschen Fußball kaum gibt: einen Trainer. Laut der Vereinschronik tritt der Engländer Jim Norris am 1. Juni 1910 seinen Dienst an, für 2.000 Mark im Jahr. Norris verbietet den Spielern das Kartenspiel im Vereinslokal. Das kommt bei gestandenen Männern schlecht an. Im Juli 1912 wird Norris entlassen, »möglicherweise«, so die Chronik, die erste Trainerentlassung der deutschen Fußballgeschichte.

Dazwischen liegt Fischers Weg in die Nationalelf. Am 26. März 1911 spielt Deutschland in Stuttgart gegen die Schweiz, auf dem Kickers-Platz in Degerloch, vor 8.000 Zuschauern. Die Elf ist fast ganz süddeutsch, mit vier Spielern vom Karlsruher FV. Nur drei Spieler kommen nicht aus dem Süden, einer davon ist der Duisburger Linksaußen. Deutschland gewinnt 6:2. Fischer trifft nicht, aber, so ein Porträt auf der Seite des Duisburger Spielvereins: »Der angehende Kaufmann wußte zu gefallen.«

Vier Wochen später spielt er in Lüttich, neben dem Karlsruher Otto Reiser, und verliert 1:2 gegen Belgien. Im Mai 1911 treffen die Duisburger in der Meisterschaftsendrunde auf Holstein Kiel. Heinrich Fischer trifft zum 1:1, doch Kiel gewinnt 3:1. Zweimal erfolgreich ist Kiels junger Linksaußen Ernst Möller, auch er ein frischer Nationalspieler.

Regen in Sendling (Mai 1913)

Die Saison 1912/13 wird die beste der Vereinsgeschichte. Im Viertelfinale um die deutsche Meisterschaft schlägt der DSV am 20. April 1913 in Frankfurt die Stuttgarter Kickers 2:1. Walter Fischer schießt in der 77. Minute das 2:0. Im Halbfinale in Essen warten eine Woche später Holstein Kiel, der Titelverteidiger, und 10.000 Zuschauer. Kiel führt, Anton Bongartz gleicht aus, Heinrich Fischer trifft zum 2:1. Duisburg steht als erste westdeutsche Mannschaft im Endspiel.

Das Finale am 11. Mai 1913 auf dem MTV-Platz in München-Sendling wird ein Reinfall. Es regnet in Strömen, nur 5.000 Zuschauer kommen, viele unter Regenschirmen. Nach neun Minuten gibt Schiedsrichter Robert Knab Handelfmeter für den VfB Leipzig. Die Duisburger halten ihn für unberechtigt, ein Bericht, den die Vereinschronik zitiert, spricht von »unabsichtlichem« Handspiel. »Edy« Pendorf verwandelt, Paul Pömpner erhöht, nach einer Stunde fälscht Kornelius Büscher einen Ball ins eigene Tor ab. Heinrich Fischers Treffer zum 1:3 kommt zu spät. Duisburg ist Vizemeister.

Der große Tag: Kronprinzenpokal im Deutschen Stadion (Juni 1913)

Vier Wochen später gibt es die Revanche, wenn auch in anderem Trikot. Am 8. Juni 1913 steht Westdeutschland im Finale des Kronprinzenpokals, des Wettbewerbs der Verbandsauswahlen. Gegner ist Brandenburg, eine Auswahl der Berliner Spitzenklubs. Gespielt wird im Deutschen Stadion in Berlin, das an diesem Tag laut IFFHS eingeweiht wird. 10.000 Zuschauer sind da, Schiedsrichter ist Puls aus Hamburg.

Fünf Duisburger stehen in der westdeutschen Elf: Heinz Ludewig als Mittelläufer, dazu der komplette Angriff bis auf einen Mann. Sebastian Quatram rechts, Hermann Pohl aus Mönchengladbach halbrechts, Heinrich Fischer in der Mitte, Hermann Steinhauer halblinks, Walter Fischer auf Linksaußen. Im Tor der Berliner steht Albert Weber, in der Verteidigung Helmut Röpnack, im Sturm Willi Worpitzky.

Das Spiel wird eine Torflut. Paul Theiß bringt Brandenburg in Führung, Heinrich Fischer gleicht aus, eine Minute später trifft Erich Korth zum 2:1 für die Berliner. Nach der Pause gleicht Heinrich Fischer wieder aus, Robert Fuchs trifft zum 3:2. Dann dreht der Westen auf: Steinhauer in der 70., Heinrich Fischer in der 71. und Pohl in der 76. Minute. 5:3 für Westdeutschland.

Drei Tore also für Heinrich. Und Walter? Die Duisburger Vereinschronik ist sich sicher: »Die Fischer-Brüder spielen überragend, Heinrich erzielt 3 Tore, Walter gibt 3 Vorlagen!« Eine zweite Quelle für die Vorlagen gibt es nicht. Sicher ist der Pokal.

»Der angehende Kaufmann wußte zu gefallen, obwohl ihm keine Tore gelangen.«

— Porträt Walter Fischers auf der Seite des Duisburger Spielvereins, über das Debüt 1911

Letzte Länderspiele, letzte Endrunden

In der Nationalelf kommt Fischer noch dreimal zum Einsatz. Im März 1913 spielt er beim 0:3 gegen die englischen Amateure in Berlin, im November beim 2:6 in Antwerpen. Sein fünftes und letztes Länderspiel ist das 4:4 in Amsterdam am 5. April 1914, mit seinem Vereinskameraden Ludewig in der Läuferreihe. Es ist das letzte Länderspiel vor dem Ersten Weltkrieg. Für das olympische Turnier 1912 war er, so Wikipedia, nicht berücksichtigt worden.

Im Mai 1914 zeigt Fischer noch einmal, dass er auch treffen kann. Im Viertelfinale gegen Altona 93 in Essen verwandelt er in der 73. Minute einen Elfmeter zum 1:1 und schießt in der Verlängerung das 2:1. Duisburg gewinnt 4:1. Im Halbfinale in Leipzig ist der VfB wieder Endstation, 0:1.

Nach dem Krieg ist Fischer noch da. Am 20. Juni 1920 gewinnt er mit Westdeutschland in Hannover das Finale des Bundespokals, 1:0 gegen Mitteldeutschland, wieder auf Linksaußen. 1921 steht er, inzwischen als linker Läufer, ein letztes Mal in der Endrunde. Im Halbfinale in Berlin gegen Vorwärts 90 trifft er per Elfmeter zum 1:1, Duisburg verliert nach Verlängerung 1:2. Elf Endrundenspiele sind es von 1908 bis 1921.

Am 31. Mai 1937 beantragt Walter Fischer die Aufnahme in die NSDAP. Er wird rückwirkend zum 1. Mai 1937 aufgenommen, Mitgliedsnummer 5.214.676. So steht es, gestützt auf die Mitgliederkartei im Bundesarchiv, bei Wikipedia.

Walter Fischer stirbt am 3. April 1959. Wo, verraten die geöffneten Quellen nicht.

Walter Fischer auf einen Blick

Geboren: 21.2.1889 in Duisburg
Gestorben: 3.4.1959
Vereine: Duisburger Spielverein (bis 1921)
Position: Linksaußen, zuletzt linker Läufer
Titel: Deutscher Vizemeister 1913; Westdeutscher Meister 1908, 1910, 1911, 1913, 1914, 1921; Kronprinzenpokal 1913, Bundespokal 1920 (mit Westdeutschland)
Bilanz: 5 Länderspiele, 0 Tore (1911–1914)
Beruf: Kaufmann
Nationalspieler Nr.: 72 (Debüt 26. März 1911 in Stuttgart)

Quellen

Wikipedia: Walter Fischer (Fußballspieler) · Wikipedia: Heinrich Fischer · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1912/13 · Libero 36 (IFFHS) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Duisburger Spielverein: Historie 1908–1918 · Duisburger Spielverein: Nationalspieler · Kicker-Almanach 1996