Paul Kugler – der Lange von Viktoria
Seine Freunde nannten ihn »den Langen«, und das war nicht übertrieben: 1,86 Meter, für einen Fußballer des Kaiserreichs ein Riese. Paul Kugler spielte halblinks, im Mittelfeld und notfalls sogar im Tor. Mit 21 schoss er Viktoria 89 im Endspiel von Dresden zur deutschen Meisterschaft. Danach folgten zwei Länderspiele, ein Jahrzehnt in Breslau, ein dunkles Kapitel in den dreißiger Jahren und eine späte Karriere als Trainer in der DDR. Ein langes Leben, 87 Jahre.
»… in dem großgewachsenen und schußstarken 21jährigen Paul Kugler, der 1910 vom Berliner Ballspiel-Club gekommen war, einen adäquaten Ersatz im Angriff gefunden.«
Vom Ballspiel-Club zur Viktoria
Paul Kugler wird am 24. September 1889 in Tempelhof geboren, damals noch ein Vorort Berlins. 1905 beginnt er mit dem Fußball. Bei welchem Verein, darüber sind sich die Quellen nicht ganz einig: Wikipedia nennt den Berliner SC, das Lexikon von 1939 und »Libero« den Berliner Ballspiel-Club.
1910 wechselt er zu Viktoria 89, dem Meister von 1908. Dort ist gerade eine Lücke im Angriff entstanden, weil der Torjäger Helmut Röpnack in die Verteidigung zurückgezogen wird. Kugler füllt sie. Wikipedia beschreibt ihn als »vielseitigen Fußballer«, meist halblinks, »aber auch als Mittelläufer und Torhüter«.
Der große Tag: Endspiel in Dresden (Juni 1911)
Seine erste Endrunde spielt er 1911, und er fängt gleich richtig an. Im Halbfinale am 21. Mai in Hamburg gegen Holstein Kiel trifft er nach zehn Minuten zum 0:1, Viktoria gewinnt 4:0.
Das Endspiel steigt am 4. Juni 1911 in Dresden, auf dem Sportplatz an der Hygiene-Ausstellung. 12.000 Zuschauer kommen, so viele wie nie zuvor bei einem Endrundenspiel. Schiedsrichter ist Paul Schröder aus Mönchengladbach. Der Gegner, der VfB Leipzig, hat mit Camillo Ugi und Heinrich Riso zwei Nationalspieler in seinen Reihen.
Kurz vor der Pause bringt Willi Worpitzky Viktoria in Führung. In der 52. Minute erhöht Kugler auf 2:0. Leipzig kommt durch Riso acht Minuten vor Schluss noch einmal heran, doch Worpitzky macht in der 88. Minute alles klar. 3:1. »Libero« urteilt, die Leipziger hätten gute Flügelstürmer gehabt, aber ihr Innentrio habe »nicht die Durchschlagskraft wie jenes der Berliner Viktoria« besessen. Zu diesem Innentrio gehört Kugler.
»Die Berliner Viktoria hatte nach 1908 zum 2. Mal die ›Jungfrau Viktoria‹ erobert.«
Für Viktoria ist es der zweite Meistertitel, für Kugler der einzige.
Nationalelf und Kronprinzenpokal
Im Herbst 1911 läuft es weiter. Im Kronprinzenpokal schießt er beim 10:0 der Brandenburger gegen die Balten drei Tore. Drei Wochen später, am 29. Oktober 1911, debütiert er in Hamburg in der Nationalelf, halblinks gegen Schweden. Das Spiel geht 1:3 verloren.
Im Kronprinzenpokal-Finale am 18. Februar 1912 in Mariendorf verwandelt er einen Elfmeter zum 2:3 gegen Süddeutschland. Am Ende verliert Brandenburg 5:6 gegen den Sturm um Fuchs, Förderer und Hirsch.
1912/13 rückt er ins Zentrum. Laut »Libero« verliert der bisherige Mittelläufer Willi Knesebeck in dieser Saison seinen Posten im Verein und in der Brandenburger Auswahl »an Paul Kugler«. Als Mittelläufer bestreitet Kugler am 18. Mai 1913 in Freiburg sein zweites und letztes Länderspiel, ein 1:2 gegen die Schweiz.
Serienmeister in Breslau
Dann zieht es ihn nach Schlesien. Wikipedia datiert den Wechsel zu den Vereinigten Breslauer Sportfreunden auf die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. In den Aufstellungen von »Libero« steht er allerdings schon im Oktober 1916 als Spieler der Sportfreunde in der südostdeutschen Auswahl.
In Breslau wird der Berliner zum Seriensieger. Zwischen 1920 und 1927 gewinnt er mit den Sportfreunden fünfmal die südostdeutsche Meisterschaft. 1920 führt er die Mannschaft als Kapitän in die Endrunde, gleicht im Viertelfinale gegen Union Oberschöneweide zum 1:1 aus, und die Breslauer ziehen mit 3:2 ins Halbfinale ein. Dort ist gegen die SpVgg Fürth Schluss. 28-mal spielt er für die Berliner, 22-mal für die schlesische Auswahl. Nach einzelnen Angaben, so Wikipedia, kehrt er zum Ende der Laufbahn noch einmal zum Berliner SC zurück.
Partei, Ausschluss, DDR
Laut Wikipedia, das sich auf die NSDAP-Mitgliederkartei im Bundesarchiv und einen Bericht der »Zeit« von 2024 stützt, tritt Kugler zum 1. Mai 1932 der NSDAP bei. 1937 wird er verwarnt, weil er ein jüdisches Lokal besucht hat. Am 18. Oktober 1937 wird er aus der Partei ausgeschlossen, wegen Unterschlagung.
Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitet Kugler als Trainer in der DDR: 1949/50 bei der BSG »Hans Wendler« in Stendal, 1951/52 bei Aktivist Brieske-Ost in Senftenberg, danach bei Stahl Thale in der Oberliga.
Paul Kugler stirbt am 30. Oktober 1976 in Berlin-Charlottenburg.
Paul Kugler auf einen Blick
Geboren: 24.9.1889 in Berlin-Tempelhof
Gestorben: 30.10.1976 in Berlin-Charlottenburg
Spitzname: »der Lange«
Vereine: Berliner SC bzw. Berliner Ballspiel-Club (ab 1905), BTuFC Viktoria 89 (ab 1910), Vereinigte Breslauer Sportfreunde (spätestens 1916 bis 1927), evtl. zuletzt wieder Berliner SC
Position: Halblinker, Mittelläufer, gelegentlich Torwart
Titel: Deutscher Meister 1911; fünfmal Südostdeutscher Meister (1920–1927); Kronprinzenpokal-Finalist 1912
Bilanz: 2 Länderspiele, 0 Tore (1911–1913)
Beruf: Angestellter
Trainer: BSG »Hans Wendler« Stendal (1949/50), BSG Aktivist Brieske-Ost (1951/52), BSG Stahl Thale (1952/53)
Nationalspieler Nr.: 79 (Debüt 29. Oktober 1911 in Hamburg)
Quellen
Wikipedia: Paul Kugler · Wikipedia: Kronprinzenpokal 1911/12 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Libero 36 (IFFHS) · Kicker-Almanach 1996