Otto Reiser – der Ottl vom Phönix
Otto Reiser hat zwei Endspiele um die deutsche Meisterschaft erreicht. Eines davon hat nie stattgefunden. 1904 steht er mit Britannia Berlin im Finale, doch der DFB sagt es am Spieltag ab. Fünf Jahre später klappt es: Mit dem Karlsruher FC Phönix wird Reiser 1909 deutscher Meister, und auf dem Weg dorthin schießt er fünf Tore. »Ottl« nannten sie ihn, den Innenstürmer mit dem Dreiecksspiel. 1911 folgt ein einziges Länderspiel, eine 1:2-Niederlage in Lüttich.
»Ihr Innentrio war durchgehend torgefährlich, vor allem Otto Reiser.«
Ein Karlsruher aus Oberbayern
Otto Reiser kommt am Heiligabend 1884 zur Welt, am 24. Dezember, in Polling bei Weilheim in Oberbayern. So steht es bei Wikipedia. Das Nationalspieler-Lexikon von 1939 nennt als »Heimatort« Karlsruhe. Dort wächst Reiser in den Fußball hinein, zuerst beim Karlsruher FV, dem großen Verein der Stadt.
Wann genau er zum kleineren Nachbarn wechselt, dem FC Phönix, darüber sind sich nicht einmal die Wikipedia-Angaben einig. Im Artikeltext heißt es, Otto sei 1905 gemeinsam mit seinem Bruder Fritz vom KFV zum Phönix gegangen. Die Übersicht daneben lässt ihn schon um 1900 für Phönix spielen. Die Reisers sind jedenfalls eine Fußballfamilie. Neben Fritz gehört laut den IFFHS-Statistikern auch ein Bruder namens Bertl zum erweiterten Kader.
Das Endspiel, das nie stattfand
Sicher ist: 1904 lebt Otto Reiser in Berlin. Und er spielt dort für den Berliner Thor- und Fußball-Club Britannia 1892, den Berliner Meister. In der Endrunde um die deutsche Meisterschaft steht er als linker Läufer auf dem Platz. Die Pointe: Gegner in der ersten Runde ist am 24. April 1904 ausgerechnet sein alter Klub, der Karlsruher FV. Britannia gewinnt in Friedenau 6:1, vor 300 Zuschauern.
Im Halbfinale am 8. Mai gewinnt Britannia in Hamburg 3:1 gegen Germania, eine Elf mit acht Ausländern aus vier Nationen. Reiser steht im Finale. Doch der KFV hat Protest eingelegt: Der DFB hatte neutrale Plätze versprochen, sich aber nicht daran gehalten, und die Karlsruher mussten in Berlin antreten. Der DFB entscheidet am Morgen des geplanten Endspiels in Kassel, das Finale ausfallen zu lassen, und erklärt alle Endrundenspiele für ungültig. Der Kicker-Almanach fasst die Saison in zwei Worten zusammen: »Kein Meister!«
Der große Tag: Breslau (Mai 1909)
Zurück in Karlsruhe spielt Reiser im Sturm des FC Phönix, meist als Innenstürmer. Trainiert wird die Mannschaft von ihrem Kapitän Arthur Beier, einem Pionier des süddeutschen Fußballs. 1909 wird Phönix süddeutscher Meister und zieht in die Endrunde ein.
Dort legt Reiser los. Im Viertelfinale am 2. Mai 1909 in Duisburg gegen den FC München-Gladbach 1894 schießt er die ersten beiden Tore, nach Wikipedia in der 20. und 25. Minute. Phönix gewinnt 5:0. Der Libero vermerkt dazu: »Den Torreigen eröffnete der 24jährige Otto Reiser.« Im Halbfinale am 23. Mai in Frankfurt wird der SC Erfurt 9:1 überrollt. Reiser trifft dreimal, in der 51., 69. und 85. Minute. Das Lob des IFFHS gilt dem ganzen Innentrio, »vor allem Otto Reiser«.
Das Finale steigt am 30. Mai 1909 in Breslau, auf dem Platz des SC Schlesien. Gegner ist Viktoria 89 Berlin, der Titelverteidiger. Nur 1.500 Zuschauer sind gekommen. Schiedsrichter ist Gottfried Hinze aus Duisburg, zugleich Präsident des DFB. Reiser stürmt halbrechts, neben ihm Rechtsaußen Karl Wegele, Mittelstürmer Hermann Leibold, Wilhelm Noë und Linksaußen Emil Oberle.
Viktoria geht in der 16. Minute durch einen Kopfball von Willi Worpitzky in Führung. Dann dreht Phönix das Spiel: Beier gleicht aus, Noë trifft vier Minuten später zum 2:1. Nach der Pause erhöhen Leibold und noch einmal Noë auf 4:1. Helmut Röpnacks Tor in der 83. Minute ist, wie der Karlsruher Autor Christian Birnesser schreibt, »nur noch Ergebniskosmetik«. Reiser selbst trifft im Finale nicht. Mit fünf Toren aus drei Spielen ist er trotzdem, gleichauf mit Noë, bester Karlsruher Torschütze dieser Endrunde.
Daheim wird gefeiert. Die Mannschaft wird laut Birnesser am Karlsruher Hauptbahnhof von einer großen Menge empfangen und fährt anschließend in Kutschen durch die Stadt. Zur Meisterfeier im Kolosseum schickt die Stadt, so das Karlsruher Sportarchiv, Stadtrat Kölsch als offiziellen Gratulanten.
»Mit Fritz Förderer, mehr aber noch mit seinem Vereinskameraden Ottl Reiser hat er sich in dieser Spielweise glänzend verstanden.«
Dreieckspiel und ein Länderspiel
Wie Reiser spielte, verrät ausgerechnet das Porträt eines anderen. Das Lexikon von 1939 beschreibt Karl Wegeles Taktik: »Dreieckspiel, mit den Passes den Gegner schneiden, Wechsel zwischen Außen- und Innenstürmer«. Mit keinem habe Wegele das so gut gekonnt wie mit Ottl Reiser. Es habe nur eines Handschlags bedurft.
1910 verteidigt Phönix den Titel nicht, aber es wird knapp. In Leipzig gleicht Reiser gegen den VfB zum 1:1 aus, Phönix gewinnt 2:1. Im Halbfinale ist dann der Lokalrivale KFV mit 2:1 besser.
Im April 1911 kommt Reisers Berufung in die Nationalelf. Am 23. April spielt Deutschland in Lüttich gegen Belgien, auf dem Platz in Cointe, vor 3.000 Zuschauern. Reiser stürmt halblinks, zwischen Mittelstürmer Gottfried Fuchs und dem Duisburger Linksaußen Walter Fischer. Belgien führt zur Pause durch Van Houtte, Fritz Förderer gleicht in der 50. Minute aus, fünf Minuten vor Schluss trifft Saeys zum 2:1 für die Gastgeber. Reiser, so urteilt Wikipedia unter Berufung auf ein Buch des Karlsruher Stadtarchivs, »vermochte nicht zu überzeugen«. Es bleibt sein einziges Länderspiel. In der süddeutschen Auswahl kam er ohnehin kaum zum Zug: Förderer, Eugen Kipp und Julius Hirsch waren, so Wikipedia, zu große Konkurrenz.
Wien, Krieg und ein Abstieg
Reiser bleibt dem Phönix treu, mit Unterbrechungen. Im Krieg spielen die Brüder Reiser laut Wikipedia weiter in der ersten Mannschaft. Zur Saison 1918/19 geht Otto nach Wien, zum Wiener AC, und wird mit ihm Dritter der Ersten Klasse. Schon einmal, um 1904, soll er für den WAC gespielt haben, auch das Lexikon von 1939 nennt den Klub.
Dann kehrt er ein letztes Mal heim. Bis 1924 spielt er für Phönix, inzwischen fast 40 Jahre alt. Die letzte Saison endet bitter: Als Tabellenletzter steigt Phönix aus der Bezirksliga Württemberg/Baden ab.
Beruflich ist Otto Reiser Beamter. Das Lexikon von 1939 nennt ihn »Stadtinspektor«. Er stirbt am 21. März 1957. Die Badischen Neuesten Nachrichten drucken zwei Tage später seine Todesanzeige.
Otto Reiser auf einen Blick
Geboren: 24.12.1884 in Polling (bei Weilheim)
Gestorben: 21.3.1957
Spitzname: Ottl
Vereine: Karlsruher FV (Jugend), Karlsruher FC Phönix, BTuFC Britannia 1892 Berlin (1904), Wiener AC, Phönix (bis 1918), Wiener AC (1918/19), Phönix (1919–1924)
Position: Innenstürmer (halbrechts/halblinks)
Titel: Deutscher Meister 1909, Süddeutscher Meister 1909
Bilanz: 1 Länderspiel, 0 Tore (1911)
Beruf: Stadtinspektor
Nationalspieler Nr.: 74 (Debüt 23. April 1911 in Lüttich)
Quellen
Wikipedia: Otto Reiser · Wikipedia: Deutsche Fußballmeisterschaft 1908/09 · Libero 36 (IFFHS) · Libero D 3, 1992 (IFFHS) · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Christian Birnesser: Das Schicksal eines Fußballpioniers (130jahreksc.de) · Stadt Karlsruhe, Sportarchiv: KFC Phönix · Stadtlexikon Karlsruhe: FC Phönix · Kicker-Almanach 1996