Gottfried Fuchs – zehn Tore an einem Nachmittag
Es gibt Rekorde, die fallen irgendwann. Und es gibt den von Gottfried Fuchs. Am 1. Juli 1912 schießt der Mittelstürmer des Karlsruher FV beim 16:0 gegen Russland zehn Tore. So viele hat seither kein deutscher Nationalspieler in einem Länderspiel erzielt, nicht Gerd Müller, niemand. Fuchs war Deutscher Meister, Kronprinzenpokalsieger, 14 Tore in nur sechs Länderspielen. Und er war Jude. 1937 musste er mit seiner Familie aus Deutschland fliehen. In Kanada nannte er sich Godfrey Fochs, und in seiner Heimat wurde sein Name jahrzehntelang kaum noch genannt.
»Ich war noch ein kleiner Schulbub in Mannheim, als ich von Ihrer Fußballkunst hörte, und dann sah ich Sie selbst in Mannheim spielen. Sie und Ihr Spiel waren es, das meine Kameraden und ganz besonders mich hellauf begeisterten.«
Holz, Wagner und ein englischer Klub
Gottfried Erik Fuchs kommt am 3. Mai 1889 in Karlsruhe zur Welt. Der Vater Gustav ist jüdischer Kaufmann und ein großer Verehrer Richard Wagners. Alle Kinder bekommen Namen aus Wagner-Opern. Erik ist der Jäger aus dem »Fliegenden Holländer«. Die Familie handelt mit Holz, und zwar sehr erfolgreich. Der Großvater Hirsch Fuchs hat 1877 die Firma H. Fuchs Söhne gegründet.
Nach dem Realgymnasium, das er 1905 verlässt, geht Gottfried nach Düsseldorf, in die Lehre bei einer Holzhandlung. Dort spielt er beim Düsseldorfer FC 1899, einem Klub, in dem laut Werner Skrentny zur Hälfte Engländer stehen. 1907 wird er mit ihm Westdeutscher Meister. Im Viertelfinale um die deutsche Meisterschaft verliert Düsseldorf 1:8 gegen Victoria Hamburg. Das 1:1 schießt Fuchs.
Im selben Frühjahr, am 8. April 1907, läuft er zum ersten Mal für den Karlsruher FV auf. Gegner ist die Universitätsmannschaft aus Oxford, 3.000 Zuschauer sind da, ein deutscher Rekord. In einem Bericht heißt er »der neueingestellte Fuchs«. Er ist 17. Danach geht er noch für ein Jahr nach London und Liverpool, beruflich. Ab Oktober 1908 leistet er seinen einjährigen Militärdienst beim Badischen Feldartillerie-Regiment Nr. 14.
Das Karlsruher Trio
Beim KFV findet Fuchs die Mannschaft seines Lebens. Links neben ihm Julius Hirsch, rechts Fritz Förderer, an der Seitenlinie der englische Trainer William Townley. Die Statistiker der IFFHS schreiben, an der Seite der beiden Halbstürmer habe sich Fuchs erst richtig entwickelt, »zumal er vor allem von Fritz Förderer immer wieder in Szene gesetzt wurde«. Skrentny beschreibt ihn als schlank und schlaksig, schnell, wendig, technisch stark und treffsicher. Man nennt ihn »Gotti« oder »Gottes«.
Am 15. Mai 1910 steht er in Köln im Finale um die deutsche Meisterschaft. Gegen Holstein Kiel fällt 114 Minuten lang kein Tor. Dann verwandelt Max Breunig einen Elfmeter. Der KFV ist Deutscher Meister.
Fuchs gilt als ungewöhnlich fair. Einmal, so Skrentny, versucht er einen Elfmeter, den er für ungerecht hält, nach Rücksprache mit dem Schiedsrichter rückgängig zu machen. Einen Lorbeerkranz, den man ihm überreicht, zupft er auseinander und verteilt die Blätter an die Mitspieler.
Erster jüdischer Nationalspieler
Am 26. März 1911 holt der DFB gleich vier Karlsruher in die Nationalelf. In Stuttgart geht es gegen die Schweiz. Fuchs schießt in der 35. Minute das 1:0 und am Ende auch das 6:2. Er ist damit der erste Nationalspieler jüdischen Glaubens. Julius Hirsch folgt noch im selben Jahr.
Im Februar 1912 gewinnt Fuchs mit der süddeutschen Auswahl den Kronprinzenpokal, 6:5 im Finale gegen Brandenburg in Berlin-Mariendorf, vor 7.000 Zuschauern laut Libero, 3.000 laut Wikipedia. Er trifft mehrfach, laut Libero dreimal. Im März folgt das 5:5 in Zwolle, bei dem Hirsch viermal und Fuchs einmal trifft. Im Finale um die deutsche Meisterschaft im Mai verletzt er sich kurz nach Anpfiff am Knie. Er kann nur noch »als Statist« mitwirken, so Libero. Kiel gewinnt 1:0.
Der große Tag: Zehn gegen Russland (Juli 1912)
Das olympische Turnier in Stockholm beginnt für Deutschland mit einem 1:5 gegen Österreich. Damit ist es laut DFB-Geschichte »mehr oder weniger bereits gelaufen«. Am 1. Juli 1912 geht es in der Trostrunde gegen Russland. Nur 2.000 Zuschauer kommen. Der Schiedsrichter ist der Niederländer Christiaan Groothoff. Fuchs spielt in der Mitte, neben ihm Förderer und der Phönix-Mann Emil Oberle.
Nach zwei Minuten trifft Fuchs zum ersten Mal. Nach neun Minuten zum zweiten. Dann in der 21., 28. und 34. Minute. Zur Pause steht es 8:0, fünf Tore davon hat er geschossen. Direkt nach dem Wechsel, in der 46. Minute, legt er nach, dann in der 51., 55. und 65. Minute. Das letzte Tor des Tages, das 16:0 in der 69. Minute, ist sein zehntes. Förderer trifft viermal, Karl Burger und Oberle je einmal.
Die DFB-Geschichte relativiert: Die russische Elf habe vor allem aus »fußballerisch ungeübten Leichtathleten« bestanden, und beide Teams hätten am Abend zuvor gemeinsam gefeiert, was den Russen offensichtlich mehr zu schaffen machte. Im Lexikon desselben Buches heißt es trotzdem: »Sein Rekord ist wohl für die Ewigkeit.«
Mit seinen zehn Toren stellt Fuchs den Weltrekord des Dänen Sophus Nielsen von 1908 ein. Erst 2001 übertrifft ihn der Australier Archie Thompson mit 13 Toren beim 31:0 gegen Amerikanisch-Samoa. Der deutsche Rekord steht bis heute.
Sein letztes Länderspiel bestreitet Fuchs am 23. November 1913 in Antwerpen. Deutschland verliert 2:6, eines der Tore schießt er. Sechs Spiele, 14 Tore. Laut Stadtlexikon dauert es bis 1930, ehe Richard Hofmann seine Gesamtzahl übertrifft. Dass er nicht öfter spielt, hat laut DFB-Geschichte auch mit der Konkurrenz auf seiner Position zu tun, vor allem durch Willi Worpitzky.
»Er war früher mein Idol. Er war Spielmacher und Torjäger in einer Person. Er war der Franz Beckenbauer meiner Jugendzeit.«
Offizier, Kaufmann, Tennisspieler
Bei Kriegsbeginn 1914 meldet sich Fuchs freiwillig. Er dient als Artillerieoffizier an der Westfront, wird viermal verwundet, zuletzt im März 1918 schwer am linken Arm. Er erhält das Eiserne Kreuz beider Klassen und den Hausorden von Hohenzollern mit Schwertern. Seine Vorgesetzten loben seine »besondere Tapferkeit«. Skrentny hält ihn für den wohl höchstdekorierten Kriegsteilnehmer unter den deutschen Nationalspielern.
Nach dem Krieg spielt er noch kurz für den KFV und hört 1920 auf. Der Verein macht ihn 1921 zum Ehrenspielführer. Fuchs führt nun die Außenhandelsgesellschaft der Familienfirma. Er heiratet die Architektin Eugenia Steinberg aus Warschau, die Familie wächst. Ende der 1920er Jahre zieht sie nach Berlin-Nikolassee. Fuchs spielt leidenschaftlich Tennis und sitzt im Vorstand des örtlichen Klubs.
Vertreibung
Schon 1926 wird in Karlsruhe die Gedenktafel für die jüdischen Gefallenen an der Synagoge mit Teer beschmiert, darauf auch der Name eines Cousins von Fuchs. 1933 schließt der KFV seine jüdischen Mitglieder aus. 1935 folgt der Tennisclub Nikolassee mit einem Arierparagrafen. Seine Tochter Anita erinnert sich: »Nach 1933 hat er aber nicht mehr viel geredet über Fußball. Er war deprimiert. Er hatte das verloren, was ihm so viel bedeutete im Leben.«
Am 30. Dezember 1937 meldet sich die Familie in Berlin ab. Die Kinder glauben an einen Urlaub in Engelberg in der Schweiz. Doch die Schweiz gewährt kein Exil, im Oktober 1938 muss die Familie weiter nach Paris. Dort trifft Fuchs ein letztes Mal Julius Hirsch, der zu seiner Familie nach Karlsruhe zurückkehren will. Nach Kriegsbeginn wird Fuchs in Frankreich als »feindlicher Ausländer« interniert, weil er noch die deutsche Staatsangehörigkeit hat. Die Rettung ist ein Visum für Kanada, ausgestellt vom Generalkonsul Georges Vanier. Kurz vor der französischen Niederlage verlässt die Familie Frankreich über St. Malo und Großbritannien. Am 12. Juni 1940 kommt sie in Kanada an.
In Deutschland lässt die Gestapo 1941 das Vermögen »des Juden Gottfried Israel Fuchs« beschlagnahmen. Seine einzige Schwester Senta und ihr Mann werden 1943 aus Koblenz nach Auschwitz deportiert und ermordet, ebenso eine Tante. Julius Hirsch wird im selben Jahr in Auschwitz ermordet. Im Nationalspieler-Album des »Kicker« von 1939 fehlen Fuchs und Hirsch, laut Skrentny »aus rassistischen Gründen«.
»Ich komme nicht darüber hinweg, wie ich … dem lieben Juller Hirsch in Paris mit Wehmut im Herzen zum letzten Male die Hand zum Abschied drückte.«
Godfrey Fochs
In Montreal heißt er nun Godfrey E. Fochs. Wegen des Antisemitismus auch in seiner neuen Heimat kann er nicht mehr im Holzhandel arbeiten, er geht in die Textilbranche. Nach dem Krieg schickt er Lebensmittelpakete an alte Freunde wie Fritz Tscherter aus der Meisterelf von 1910. Deutschland besucht er mehrmals, aber mit »sehr gemischten Gefühlen«. Zum KFV kehrt er nie zurück, »weil sie den ›Juller‹ Hirsch ermordet haben«.
1955 spielt die Nationalelf zum ersten Mal in Moskau. Auf Anregung eines Journalisten lässt Sepp Herberger seine Spieler eine Karte nach Kanada unterschreiben. Daraus wird ein Briefwechsel. Herberger, als Junge in Mannheim Zuschauer bei Fuchs' Spielen, erinnert ihn an einen Kreis alter Fußballer, in dem immer von ihm die Rede sei: »Sie haben nicht nur als ein Spieler großer Klasse, sondern auch als ein vorbildlicher Sportsmann gegolten.« Im Juli 1971, mit 82 Jahren, führt Fochs in Montreal den Ehrenanstoß vor einem Spiel des FC Santos aus und spricht mit Pelé.
Für Mai 1972 plant Herberger etwas Größeres. Der DFB soll Fuchs als Ehrengast zur Eröffnung des Münchner Olympiastadions einladen, zum Länderspiel gegen die Sowjetunion. Das Präsidium lehnt ab. Es würde ein Präzedenzfall geschaffen, und die Haushaltslage sei angespannt. Der Flug hätte 1.760 Mark gekostet. Am 22. März 1972 schreibt Herberger enttäuscht nach Kanada, dass »auf NIEMANDEN mehr Verlass« sei.
Der Brief erreicht Fuchs nicht mehr. Er ist am 25. Februar 1972 gestorben. Am Abend zuvor hatte er noch Tennis gespielt und war, weil im Schneesturm keine Taxis fuhren, fast sechs Kilometer nach Hause gelaufen. Er liegt auf dem Baron-de-Hirsch-Friedhof in Montreal, unter dem Namen »Godfrey Eric Fochs (Gottfried Fuchs)«.
In Karlsruhe erinnert seit 2010 eine Stele am früheren KFV-Platz an Hirsch und Fuchs. 2013 bekommt die Stadt einen Gottfried-Fuchs-Platz, bei der Einweihung spricht seine Tochter Natalie. Seit 2017 vergeben die drei baden-württembergischen Fußballverbände den »Jugendpreis Gottfried Fuchs«, für Menschlichkeit und Toleranz, gegen Rassismus und Antisemitismus.
Gottfried Fuchs auf einen Blick
Geboren: 3.5.1889 in Karlsruhe
Gestorben: 25.2.1972 in Montreal-Westmount (Kanada)
Spitzname: »Gotti«, auch »Gottes«
Vereine: Düsseldorfer FC 1899 (bis 1908), Karlsruher FV (1907–1914, 1918–1920)
Position: Mittelstürmer
Titel: Deutscher Meister 1910; Vizemeister 1912; Westdeutscher Meister 1907; Kronprinzenpokal 1912
Bilanz: 6 Länderspiele, 14 Tore (1911–1913), davon 10 beim 16:0 gegen Russland
Beruf: Kaufmann (Holzhandel), in Kanada Textilbranche
Nationalspieler Nr.: 71 (Debüt 26. März 1911 in Stuttgart gegen die Schweiz)
Quellen
Werner Skrentny: Biografie Gottfried Fuchs (Karlsruher FV, 2025) · Stadtlexikon Karlsruhe: Gottfried Erik Fuchs · Stadtlexikon Karlsruhe: Gottfried-Fuchs-Platz · Stadt Karlsruhe: Stele zu den jüdischen Fußballern des KFV · Lorenz Peiffer: Gottfried Fuchs (juedische-sportstars.de) · Libero D 3 (IFFHS, 1992) · Libero Nr. 36 (IFFHS) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1996 · Wikipedia: Gottfried Fuchs · ka-news: Gottfried Fuchs im Porträt · Wikipedia: Olympische Sommerspiele 1912/Fußball/Spiele · DFB-Datencenter: Gottfried Fuchs